Der Hamburger Energietisch

Für die Energiewende in Hamburg

Der extensive Einsatz des Klimakillers Sulfurylfluorid in Hamburg wirft viele Fragen auf

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Ein Flugblatt der AG UEV der LINKEN

Erst durch eine Schriftliche Kleine Anfrage des LINKEN-Abgeordneten Stephan Jersch scheint die Hamburger Umweltbehörde (BUE) auf den sehr stark gestiegenen Einsatz des extrem klimaschädlichen Insektizids Sulfurylfluorid (SO2F2, kurz SF) aufmerksam geworden zu sein, mit dem im Hamburger Hafen, aber wohl ebenso in anderen Häfen, vor allem Holzexporte begast werden. Bei den Berechnungen der BUE zum gegenwärtig viel diskutierten neuen Hamburger Klimaplan blieb SF völlig unberücksichtigt.

Die Klimaschädlichkeit der Freisetzungen von Sulfurylfluorid wurde in den bisherigen Presse-Berichten sogar noch untertrieben. Für das Treibhausgaspotenzial (GWP) von SF ist im Zusammenhang mit den Klimazielen von Paris nicht ein Zeithorizont von 100 Jahren (GWP = 4732), sondern ein Zeithorizont von 20 Jahren anzusetzen (GWP = 6965). Bei 203,65 Tonnen SF gemäß der Bürgerschaftsdrucksache 21/19518 vom 10.1.2020 geht es im Jahr 2019 daher um 1,418 Millionen Tonnen CO2-Äquivalente. Das ist mehr als der Ausstoß des Hamburger Steinkohle-Heizkraftwerks Tiefstack von 1,21 Millionen Tonnen CO2 im Jahr 2017.

Seit 2018 stieg die im Hamburger Hafen eingesetzte Menge von SF sehr stark an.

Die Umweltbehörde gab sich laut Hamburger Abendblatt überrascht. Sie monierte, die Hafen-Behörden hätte doch früher auf das Problem aufmerksam machen können. Die bisherigen Prognosen weltweit hätten eine wesentlich geringere Freisetzung von SF vermuten lassen, als es die Zahlen aus Hamburg jetzt ergeben hätten. Doch auch die Einsatzmenge von 51,20 Tonnen SF im Jahr 2018 entspricht schon 357.000 Tonnen CO2-Äquivalenten. Das ist ungefähr so viel, wie beim geplanten Ersatz des Heizkraftwerks Wedel an CO2 pro Jahr eingespart werden soll.

Die Umweltbehörde als Ganzes hat also geschlafen. Auf der Arbeitsebene wusste man möglicherweise Bescheid. Dafür spricht die Ausführlichkeit der Beantwortung der Anfrage von Jersch. Beim kürzlich vorgelegten neuen Hamburger Klimaplan wird bisher überhaupt nur CO2 berücksichtigt, nicht dagegen alle anderen klimaschädlichen Stoffe wie Sulfurylfluorid, aber auch Methan.

In der Presse wird jetzt behauptet, es gebe keinen Ersatz und die Importländer bestünden auf dem Einsatz von SF. Dabei nennen die von der Hamburger Wirtschaftsbehörde veröffentlichten  Vorschriften Australiens (Stand 31.8.2018) „für die „Behandlung von Hochrisikowaren“  „Hitzebehandlung bei 50°C für mindestens 20 Minuten (gemessen am kältesten Teil der Ware)“ noch vor der „Sulfurylfluorid-Begasung“.

Auch in der Senatsdrucksache wird auf Frage 9, ob es alternative Stoffe beziehungsweise Verfahren gebe, die den Zweck des Einsatzes von Sulfurylfluorid erfüllen, geantwortet: „Ja.“ Nämlich: „Thermische Behandlung (Wärmeentwesung): … Sämtliches nach China exportiertes Schnittholz wird wärmebehandelt.“ Warum sollte das nicht auch bei Stammholz machbar sein? Vermutlich ist für die Hafenwirtschaft der Einsatz des Klimakillers SF nur einfacher.

„Die zur Begasung eingesetzte Gasmenge wird nach der Begasung im Wesentlichen in die Atmosphäre freigesetzt, da die Substanz sich während der Begasung nicht zersetzt und das Abgas nicht gereinigt wird.“, so der Senat in der Drucksache (Frage 4).

Wenn SF überhaupt eingesetzt wird, warum wird es dann nicht nach Gebrauch durch Wasser geleitet?

Hierzu aus Fact Sheets: “In water, sulfuryl fluoride is rapidly broken down; half-lives of about 10 minutes to 3 days have been reported.” In Wasser würde es nach spätestens einigen Tagen zersetzt, im Gegensatz zur Freisetzung in die Atmosphäre, bei der das nicht geschieht.

SF ist nicht nur ein Klimakiller, sondern auch ein sehr gefährliches Gift. Dem Amt für Arbeitsschutz sind aber laut Drucksache keine Arbeitsunfälle mit SF bekannt. Es ist jedoch wirklich nicht schwer, Fallstudien zu tödlichen Vergiftungsfällen zu finden.

Deutschland verbraucht mehr Holz, als es selbst erzeugt. Dass nun auch in den zuständigen Behörden die Frage auftaucht, warum überhaupt Holz, noch dazu insektenbefallenes, in großen Mengen um den halben Erdball geschickt werden muss – ob der freie globale Handel in jedem Fall wichtiger ist als globaler Klimaschutz – das ist positiv. Man darf gespannt sein auf Ergebnisse.

Gegenwärtig wird die Schuld an diesem krassen Klimaschutz-Versagen nun hin und her geschoben. Von den Behörden zum Hafen und weiter.

Treibhausgas-Emissionen im Hamburger Hafen

Ein aktuelles, fast schon groteskes Beispiel, wie den Menschen, die einen ernsthaften Klimaschutz fordern, von den Entscheidungsträgern Sand in die Augen gestreut wird:

Auf ein Bürgerschaftliches Ersuchen hin (Drs. 21/10779 vom 8. November 2017) legte Wirtschaftssenator Westhagemann soeben einen „Nachhaltigkeitsbericht für den gesamten Hafen“ vor.

Darin ist vielfach von Treibhausgas-Emissionen (THG) die Rede. Als klimaschädigender Stoffe kommt in diesem 123 Seiten umfassenden Bericht aber nur CO2 vor – nicht Methan und auch nicht Sulfurylfluorid. Zufall oder ist dafür nur einfach niemand zuständig?

Die THG-Emissionen der Hamburg Port Authority (HPA) – sprich die CO2-Emissionen (direkte und indirekte) – liegen nach dem Nachhaltigkeitsbericht im Jahr 2018 zwar höher als im Jahr 2014, aber der Öffentlichkeit wird anderes mitgeteilt.
Die Botschaft für die Öffentlichkeit: „Hafen reduziert CO2-Ausstoß um 100.000 Tonnen“.

Wie passt das zusammen? Im Nachhaltigkeitsbericht erfährt man, dass die genannte CO2-Reduzierung „allein“ durch Maßnahmen der Teilnehmenden an einer „Projektgruppe“ erbracht wurde. Diese hat auch irgend etwas mit dem Hafen zu tun. Dazu gehören außer der Hamburg Port Authority, der Industrieverband Hamburg, die Logistik-Initiative Hamburg, der Verein Hamburger Spediteure, der Zentralverband Deutscher Schiffsmakler, der DGB  Hamburg, die Umwelt- und die Wirtschaftsbehörde und so weiter.

Leider weiß der Nachhaltigkeitsbericht noch nicht genau, wieviele Tonnen CO2 diese „Projektgruppe“ eingespart hat:
„Im Berichtszeitraum konnten allein durch Maßnahmen der Teilnehmenden der Projektgruppe circa 100.000 Tonnen CO2 eingespart werden. Die CO2-Emissionen, die ihren Ursprung im Hamburger Hafen haben, können aktuell noch nicht verlässlich ermittelt werden. Die Projektgruppe regt an, dass diese Daten in Zukunft validiert erfasst und auf einer transparent zugänglichen Plattform verfügbar gemacht werden.“

100.000 Tonnen CO2 – ist das nun viel oder wenig? „Die Hamburger Industrie hat von allen Sektoren bislang die mit Abstand geringste Einsparung an CO2-Emissionen geleistet.“ so der BUND Hamburg am 15. Mai 2019.

Ein Kommentar

  1. auch ich bin erschüttert über diesen ´faulen Zahn´ in dem Beißwerkzeug der BUE.

    Es muss wohl immer erst von aufmerksamen Bürger*innen aus der Zivilgesellschaft ein Thema aufgegriffen UND nachgeforscht werden, ob Behörden das überhaupt im Bewußtsein haben.

    Darum auch hier meine Forderung an den Bundestag: Ein WHISTLEBLOWER-SCHUTZ aufbauen, damit fachlich qualifizierte Menschen ihren Arbeitseinsatz AUCH ETHISCH beobachten und ohne Gefahr vom Verlust des eigenen Lebenseinkommens, Misstände von Gemeinwohlbedeutung anzeigen zu können

    Peter Windmüller