Der Hamburger Energietisch

Für die Energiewende in Hamburg

21. März 2020
von Redaktion
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Sommerpause für Hamburgs Kohle-Heizkraftwerke

Erdüberhitzung als farbiger Strichcode

Mit der Verabschiedung des Hamburger Klimaschutzgesetzes im Januar 2020 und zuvor schon mit dem Hamburger Kohleausstiegsgesetz hat sich Hamburg verpflichtet, Wärmeerzeugung aus Kohle unter Beachtung des wirtschaftlich Vertretbaren möglichst weitgehend zu vermeiden. Hiervon sind die Hamburger Steinkohle-Heizkraftwerke Tiefstack und Wedel betroffen, die sich vollständig im Hamburger Eigentum befinden.

Etwa zwei Drittel der Fernwärme im zentralen Hamburger Fernwärmenetz wird immer noch durch Verbrennung von Steinkohle in diesen Heizkraftwerken erzeugt: Mindestens für fünf weitere Jahre in Wedel, wahrscheinlich länger, und noch für bis zu elf Jahren in Tiefstack.

Während der drei bis vier wärmsten Sommermonate kann die Verbrennung von Kohle schon kurzfristig vermieden werden: Im Sommer wird nur vergleichsweise wenig Fernwärme für den Warmwasserbedarf benötigt. Mit dem Einsatz der Müllverbrennungsanlagen in der Borsigstraße und dem Gas- und Dampfkraftwerk Tiefstack kann während dieses Zeitraums vollständig auf Kohle-Verbrennung verzichtet werden.  Wenn die Freie und Hansestadt Hamburg das Hamburger Klimaschutzgesetz ernst nimmt, kann sie dieser Maßnahme nur ausweichen, wenn sie zeigen kann, dass das nicht im Rahmen des wirtschaftlich Vertretbaren möglich ist.

In einer umfangreichen Stellungnahme „Debatte um eine Sommerpause für Hamburgs Kohle-Heizkraftwerke“ wird gezeigt, dass viele Vorbehalte, die beim 10. Hamburger Wärmedialog am 4. Februar 2020 von Vertretern des Unternehmens Hamburg Wärme GmbH, aber auch in einem Kurzgutachten des Öko-Instituts vorgebracht wurden, nicht stichhaltig sind.

Da das Kohle-HKW Tiefstack nur etwa halb so alt ist wie das HKW Wedel kann dieses ähnlich wie das Kohle-Heizkraftwerk München Nord in den Sommermonaten seinen Betrieb einstellen. Auch eine sommerliche Konservierung des HKW Wedel ist möglich. Wenn diese als zu riskant erscheint, so kann das HKW Wedel im Sommer zumindest mit der Minimal-Leitung betrieben werden.

Nach bisherigen Schätzungen des Öko-Instituts handelt es sich wie in München um eine Maßnahme mit relativ geringen CO2-Minderungskosten. Diese Kosten für eine entsprechende Klimaschutzmaßnahme Hamburgs sollten dem Unternehmen Hamburg Wärme GmbH aus öffentlichen Geldern erstattet werden.

Der Senat sollte unverzüglich eine vertiefende Untersuchung durch ein externes Beratungsbüros in Auftrag geben, mit der möglichst bald eine unabhängige und transparente Bewertung der in der Stellungnahme beschriebenen fünf Varianten zur sommerlichen Kohlevermeidung vorgenommen werden.

26. Februar 2020
von Redaktion
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Wasserstoff-Produktion in Moorburg – gut für die Energiewende?

Am 20. Februar 2020, drei Tage vor der Bürgerschaftswahl in Hamburg, kündigten Hamburgs Erster Bürgermeister Tschentscher und Wirtschaftssenator Westhagemann an, das Kohlekraftwerk Moorburg solle schneller vom Netz genommen werden: Einer der beiden 800-MW-Blöcke des erst seit 2015 laufenden Kohlekraftwerks könne auf Gas umgestellt werden. Der zweite 800-MW-Block würde vom Netz gehen, sobald der erste Block umgerüstet sei. Die CO2-Emissionen des Kraftwerks Moorburg würden so auf einen Schlag halbiert, so Tschentscher nach Berichten von NDR und von SAT.1.

Tschentscher machte deutlich, dass bis zu einer Realisierung der Idee noch viele Schritte zu gehen seien. Erste Gespräche mit dem Kraftwerksbetreiber Vattenfall habe es aber bereits gegeben. Westhagemann möchte die Gespräche gerne fortführen. Denn Vattenfall wolle ja so schnell wie möglich aus der Kohle aussteigen. Eine Machbarkeitsstudie, so Tschentscher, sei „ein wichtiger Punkt, den wir in die Koalitionsverhandlungen einführen werden“.

Auf dem Gelände des Kraftwerks Moorburg soll eine Anlage zur Produktion von Wasserstoff aus „überflüssigem“ Strom errichtet werden. „Wasserstoff hilft uns für den Klimaschutz nur weiter, wenn er mit regenerativ erzeugtem Strom hergestellt wird“, so Tschentscher in CAPITAL.

Bundesumweltministerin Schulze: „Das wäre eine Lösung, die sehr intelligent Klimaschutz und Industriepolitik zusammenbringt. Weil es geht ja hier darum, den Strom aus erneuerbarer Energie, den Strom aus dem Wind, besser zu nutzen, ihn dazu zu nutzen, auch Wasserstoff herzustellen und gleichzeitig ein Kohlekraftwerk vom Netz zu nehmen.“

Vattenfall zeigte sich in einer Pressemeldung aufgeschlossen gegenüber diesem Vorhaben und verwies ausführlich auf seine Kompetenz in Sachen Wasserstoff-Technologie.

Westhagemann hatte schon im September 2019 eine 100-MW-Anlage zur Wasserstoff-Erzeugung mit Wasser-Elektrolyse angekündigt. Der Bau dieser Anlage solle durch Fördermittel vom Bund und der EU ermöglicht werden. Es sollen ungefähr zwei Tonnen oder 22.000 Kubikmeter Wasserstoff pro Stunde produziert werden. Im Januar 2020 wurden 150 Millionen Euro als Kosten für das Projekt angegeben.

Einen Investorenvertrag gab es jedoch noch nicht. Und ebensowenig einen konkreten Zeitplan für die Umsetzung der Pläne.

Bild 1: Stromerzeugung in den Kraftwerken Brokdorf und Moorburg sowie Tiefstack und Wedel in TWh pro Jahr (nach Daten der Energy Charts des Fraunhofer ISE. Im Jahr 2017 stand das Kernkraftwerk Brokdorf mehrere Monate still, weil die Brennstäbe stark oxidiert waren.)

Belastbare Pläne oder nur Wahlkampf-Getöse?

Um einen 800-MW-Block des Kohlekraftwerks Moorburg auf Gas umzurüsten, müsste der zweite Block zusammen mit anderen Quellen für eine sichere Versorgung der Metropolregion Hamburg mit elektrischem Strom ausreichen.

Wie Bild 1 zeigt, ging die Stromproduktion des Kraftwerks Moorburg (orange) im Jahr 2019 gegenüber den beiden Vorjahren zurück. Dieser Rückgang lässt sich mit einem Zuwachs an erneuerbarem Strom und mit einem Ansteigen der Preise für EU-Emissionszertifikate erklären.

Obwohl das Kraftwerk Moorburg bei voller Auslastung 13 TWh Strom erzeugen könnte, lag die jährliche Stromerzeugung im Jahr 2019 nur bei 5,82 TWh – erheblich tiefer als in den beiden vorhergegangenen Jahren. Bild 2 zeigt die vielfach unterbrochene Stromerzeugung der beiden Blöcke des Kraftwerks Moorburg im Jahr 2019.

Bild 2: Stromerzeugung des Kraftwerks Moorburg in GWh pro Tag im Jahr 2019. Block A: orange, Block B: gelb (nach Daten der Energy Charts des Farunhofer ISE)

Aus Bild 1 und Bild 3 geht jedoch hervor, dass Strom aus dem Kraftwerk Moorburg noch längere Zeit benötigt werden wird. Denn das Kernkraftwerk Brokdorf, das jährlich fast 10 TWh Strom erzeugt, muss spätestens Ende 2021 abgeschaltet werden. Ein großer Teil von dessen Stromerzeugung muss danach vom Kraftwerk Moorburg und von einem Zuwachs an Wind- und Solarstrom in der Region übernommen werden.

Bild 3: Kraftwerke und Verbundnetze in der Nähe der Metropolregion Hamburg. Brokdorf: rot, Moorburg: schwarz (Quelle: Bundesumweltamt 2017)

Die Umstellung eines Kohleblocks in Moorburg auf Erdgas bei Weiterlaufen des anderen Kohleblocks erscheint einige Jahre nach dem Abschalten des Kernkraftwerks Brokdorf möglich. Investoren könnten auf Subventionen für die Umstellung von Kohle auf Gas hoffen und mit einem längeren Betrieb rechnen, da es für Gaskraftwerke noch keine Ausstiegspläne gibt. Der Brennstoff Erdgas ist zwar teurer als der Brennstoff Kohle. Der elektrische Wirkungsgrad eines modernen GuD-Kraftwerks kann allerdings um 40 Prozent höher sein als der des Kohle-Kraftwerks Moorburg. Außerdem ist weniger für den Kauf von Emissionshandels-Zertifikaten aufzuwenden.

Welche Farbe soll Wasserstoff aus Moorburg haben?

Die Diskussion um eine Nationale Wasserstoff-Strategie ist bereits ziemlich weit vorangekommen. Ergebnisse werden in Kürze erwartet. Es ist mit hohen Subventionen für die Erzeugung von Wasserstoff aus elektrischem Strom zu rechnen.

Die Pläne für eine Wasserstoff-Erzeugung in industriellem Maßstab auf dem Gelände des Kraftwerks Moorburg dürften unter diesen Bedingungen rasch vorangetrieben werden, falls sich Investoren finden. Ökonomisch vorteilhaft dürfte es dabei sein, wenn zur Wasserstofferzeugung nicht der normale Strommix aus dem Übertragungsnetz, sondern Strom aus dem Kraftwerk Moorburg ohne Nutzung des öffentlichen Stromnetzes eingesetzt wird, weil dann keine Netzentgelte zu entrichten sind.

„Grüner Wasserstoff“ wird mit Strom aus erneuerbaren Quellen erzeugt und ist daher nahezu klimaneutral. Dass in Moorburg eine Wasserstoff-Produktionsanlage mit „grünem“ Strom betrieben werden würde, wie dies von Tschentscher angekündigt wurde, erscheint aber für längere Zeit ausgeschlossen.

Überschüssiger Strom aus erneuerbaren Quellen steht gegenwärtig in Hamburg nur relativ selten in nennenswertem Umfang zur Verfügung. Hamburg liegt in der Regel nicht vor, sondern hinter den Netz-Engpässen für Windstrom aus den Küstenländern Schleswig-Holstein und Mecklenburg-Vorpommern. Erneuerbarer Strom soll im Übrigen vorrangig für direkte Stromanwendungen eingesetzt werden, solange hierfür ein Bedarf besteht.

Bild 4: Spezifische CO2-Emissionen von Wasserstoff mit unterschiedlichen Herstellungs-Verfahren (Vorketten wurden berücksichtigt) (eigene Darstellung)

Es ist daher damit zu rechnen, dass bis zum Ende der Umstellung eines Kohleblocks auf Erdgas Wasserstoff ganz überwiegend mit Strom aus einem Kohleblock von Moorburg bei nur kleinen Anteilen von erneuerbarem Strom erzeugt werden würde. Es würde sich also weitgehend um „schwarzen Wasserstoff“ mit Einsprengseln von „grünem Wasserstoff“ handeln.

Selbst wenn ein sehr optimistischer Anteil von 20 % EE-Strom angenommen wird, liegen die spezifischen CO2-Emissionen für diesen mit Kohlestrom aus Moorburg erzeugten Wasserstoff bei rund 900 kg CO2,e pro MWh Wasserstoff (Bild 4). Das ist weit höher als bei der gegenwärtig vorherrschenden, besonders preisgünstigen Herstellung von Wasserstoff mit Dampfreformierung bei Einsatz von Erdgas mit rund 400 kg CO2,e pro MWh Wasserstoff.

Die in Bild 4 dargestellten Werte ergeben sich, wenn zu den spezifischen CO2-Emissionen ohne Vorketten (nach Angaben des Umweltbundesamtes) die Emissionen aus den Vorketten hinzugefügt werden, danach die Wirkungsgrade der Stromerzeugung und schließlich die der Wasserstofferzeugung berücksichtigt werden. Für den allgemeinen Strommix im Jahr 2018 wurde mit 474 kg CO2 pro MWh gerechnet. Für Strom aus Kohle im Kraftwerk Moorburg mit einem elektrischen Wirkungsgrad von 44 %.

Wie Bild 4 zeigt, sind auch nach der Umstellung eines Kohleblocks auf Erdgas die spezifischen CO2-Emissionen von Wasserstoff aus „begrüntem“ Moorburgstrom noch höher als die aus der Erdgas-Dampfreformierung. Das lässt sich einfach erklären: In einer modernen GuD-Anlage in Moorburg könnte Strom mit einem Wirkungsgrad von etwa 60 % erzeugt werden. Wird Erdgas dagegen nicht erst zur Stromerzeugung, sondern direkt zur Wasserstoff-Gewinnung eingesetzt, so ergibt sich bei einem Wirkungsgrad der Dampfreformierung von 67 % mehr Wasserstoff als aus dem im GuD gewonnenen Strom.

Um wenigstens die spezifischen CO2-Emissionen von Wasserstoff aus der Dampfreformierung mit Erdgas zu erreichen, müsste der Kohlestrom-Anteil auf 35 % verringert werden, der Anteil des Erdgasstroms auf 67 % und die Anteile von EE-Strom müssten entsprechend erhöht werden.

Als Ausweg wird beispielsweise vom Bundes-Wirtschaftsministerium für „blauen Wasserstoff“ geworben. Bei diesem wird das bei der Wasserstoff-Erzeugung emittierte CO2 so weit wie möglich abgeschieden und unterirdisch dauerhaft gespeichert – bevorzugt unter dem Meeresboden. Gegen diese mit CCS (Carbon Capture and Storage) bezeichnete Methode der Wasserstoff-Begrünung sprechen nicht nur die fehlende Akzeptanz, sondern auch diverse technische Probleme und Risiken und nicht zuletzt die zusätzlichen Kosten.

Anders als das neue Hamburger Projekt können die Projekte “Westküste 100” rund um Heide und HySynGas in Brunsbüttel beurteilt werden. Diese Standorte liegen nicht selten vor einer Netz-Engpassstelle, sodass häufig genug Windstrom verfügbar ist, der ohne eine solche Nutzung abgeregelt werden würde.

Besonders im Norden Schleswig-Holsteins kann auch auf längere Sicht nicht der gesamte Windstrom zu vorhandenen Verbrauchern transportiert werden. Daher könnte bei entsprechender Anpassung des regulatorischen Rahmens hier klimafreundlicher Wasserstoff erzeugt werden.

Welche Ziele sollen mit einem Hamburger Wasserstoff-Projekt verfolgt werden?

Während sich bei der Diskussion der Norddeutschen Wasserstoff-Strategie am 20. November 2019 alle Parteien in der Hamburger Bürgerschaft für „grünen Wasserstoff“ aussprachen, wird Wasserstoff aus dem von Tschentscher und Westhagemann angekündigten „innovativen“ Projekt, so wie es sich bisher abzeichnet, bei weitem nicht klimafreundlich sein.

Bei der gegenwärtigen Debatte zwischen dem Bundes-Wirtschaftsministerium (BMWi) einerseits und den Bundesministerien für Umwelt bzw. Forschung andererseits über die Nationale Wasserstoffstrategie werden sehr unterschiedliche Ziele verfolgt. Dem BMWi geht es vorrangig darum, Deutschland in die Lage zu versetzen, bei der Wasserstoff-Technologie in industriellem Maßstab eine Führungsrolle zu übernehmen, um damit Exportmärkte erschließen zu können. Deutschland habe die Chance, „im internationalen Wettbewerb eine Vorreiterrolle bei der Entwicklung und dem Export von Wasserstoff-Technologien einzunehmen“. Die Positionen der Bundesministerien für Umwelt bzw. Forschung entsprechen eher einem Beschluss der Grünen vom November 2019.

Das BMWi möchte die Nationale Wasserstoffstrategie mit Milliarden Euro an Fördergeldern ausstatten. Die Hamburger Initiative von Tschentscher und Westhagemann hofft offensichtlich auf erhebliche finanzielle Unterstützung aus diesen Fördertöpfen. In erster Linie soll „grauer“, mit Erdgas-Dampfreformierung gewonnener Wasserstoff in Industriebetrieben für Stahl, Aluminium und Kupfer wie im Hamburger Hafen ersetzt werden, damit diese von den Kosten des EU-Emissionshandels entlastet und sich auf einen Weg zur Dekarbonisierung einstellen können.

Wie Bild 4 zeigt, kann das gegenwärtig von der Hamburger SPD verfolgte Projekt in Moorburg allerdings bei korrekter Treibhausgas-Bilanzierung nur Erfolg haben, wenn der in Moorburg erzeugte, eindeutig klimaschädliche Wasserstoff mit Hilfe von CCS in „blauen“ Wasserstoff umgewandelt wird.

Ausblick

Wird auf eine ziemlich kostspielige Umstellung des Kohle-Kraftwerks Moorburg auf Gas verzichtet und wird gleichzeitig der Ausbau von erneuerbarem Strom in den norddeutschen Küstenländern so vorangetrieben, wie es beispielsweise Schleswig-Holstein plant, so könnte das ganze Kraftwerk Moorburg zwischen 2030 und 2035 stillgelegt werden. Das steht nicht nur in Übereinstimmung mit dem Projekt NEW 4.0. Auch die Grünen in Hamburg sehen in ihrem Regierungsprogramm 2020 vor, Hamburg bis 2035 zu einer klimaneutralen Stadt zu machen.

Die Pläne zur Umrüstung des Kraftwerks Moorburg auf Erdgas können dagegen kaum erheblich vor 2030 realisiert werden, da nach der Abschaltung des Kernkraftwerks Brokdorf das Kraftwerk Moorburg vor allem für die Versorgung der Metropolregion Hamburg notwendig sein wird. Mit der kostenintensiven Umrüstung auf Erdgas würde jedoch der Bestand eines sehr großen fossil gefeuerten Kraftwerks weit über das für alle Kohlekraftwerke geltende späteste Abschaltdatum 2038 festgeschrieben. Eine spätere Umstellung von fossilem Erdgas auf Wasserstoff in einem GuD Moorburg könnte im Vergleich zum Ersatz von Wasserstoff aus fossilen Quellen im Hamburger Hafen, wo hohe Temperaturen und hohe Energiedichten benötigt werden, keine Priorität beanspruchen.

Es ist fraglich, ob in absehbarer Zeit in Hamburg bedeutende Mengen an erneuerbarem Strom verfügbar sein werden, die abgeregelt werden müssten, wenn sie nicht für die Erzeugung von Wasserstoff eingesetzt werden würden. Zu prüfen wäre, wie in Schleswig-Holstein gewonnener Wasserstoff nach Hamburg transportiert werden kann. Das BMWi erwartet, dass mindestens die Hälfte des für die Dekarbonisierung der BRD benötigten Wasserstoffs importiert werden muss. Zu diesem Zweck müssten eigene Wasserstoff-Pipelines von der norddeutschen Küste nach Hamburg verlegt werden, über die auch Wasserstoff, der onshore in Schleswig-Holstein und offshore vor der Küste gewonnen wird, nach Hamburg transportiert werden kann. Auch Bürgermeister Tschentscher sprach sich für den Import von Wasserstoff aus: „Warum sollten wir nicht Wasserstoff importieren, so wie wir heute Kohle, Gas und Erdöl importieren?“ Es ist allerdings umstritten, ob die vom BMWi vorgeschlagene Import-Politik vernünftig ist.

21. Februar 2020
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Was plant Vattenfall für sein Steinkohle-Kraftwerk Moorburg?

Drei Tage vor der Bürgerschaftswahl am 23. Februar 2020 und einen Tag vor der großen Demonstration von Fridays for Future in Hamburg überraschte der Erste Bürgermeister Tschentscher mit einem Plan für einen schnelleren Ausstieg des Kraftwerks Moorburg aus der Kohle.

(NDR-Video und SAT.1-Video von einer Pressekonferenz am 20.2.2020.)

Westhagemann, Schulze und Tschentscher bei einer Pressekonferenz am 20.2.2020

Bürgermeister Tschentscher: „Unser Wirtschaftssenator hat in den letzten Monaten an einer Idee gearbeitet, die dazu führen kann, dass wir Moorburg sehr viel schneller als Kohlekraftwerk vom Netz nehmen, um an dieser Stelle etwas sehr Innovatives zu tun, nämlich eine Wasserstoff-Produktionsanlage mit grünem Strom zu errichten.“

Ein Kohle-Block des Kraftwerks Moorburg mit einer elektrischen Leistung von 800 MW soll stillgelegt, der andere mit ebenfalls 800 MW auf Gas umgerüstet werden. „Wir wollen mit dem Betreiber Vattenfall darüber sprechen, in Moorburg so bald wie möglich aus der Kohle auszusteigen“, sagte Tschentscher. Die CO2-Emissionen des Kraftwerks Moorburg würden so auf einen Schlag halbiert, so Tschentscher dem NDR zufolge.

Nach einem Bericht der Harburger SPD ließ Tschentcher offen, ob das neue Kraftwerk sowie die Wasserstoffproduktion privat betrieben werden sollen oder ob städtische Unternehmen wie Hamburg Energie mit einspringen könnten. „Wir drängen uns nicht“, sagte er, schloss eine unternehmerische Beteiligung der Stadt aber auch nicht aus.

Wirtschaftsenator Westhagemann: „Natürlich müsste man einen Umbau vornehmen. Also das heißt, die Turbine muss ersetzt werden, der Kessel muss ersetzt werden, aber alles, was drum rum ist, die Dampfaggregate, die ich dort habe, das bleibt alles bestehen. Das heißt, ein Teil der Infrastruktur bleibt vorhanden.“

Vattenfall schrieb dazu in einer Pressemeldung vom 20.2.2020: „Das Hamburger Kraftwerk Moorburg ist das letzte kohlegefeuerte Kraftwerk von Vattenfall ohne Fernwärmeauskopplung und passt langfristig nicht zu unserem Unternehmensziel. Aus diesem Grund haben wir schon vor einiger Zeit einen Prozess eingeleitet, um Lösungen zu finden, die zu unserer strategischen Ausrichtung der Dekarbonisierung passen. Neben einem Brennstoffwechsel kann auch unter anderem eine Veräußerung als Option nicht ausgeschlossen werden.“

Die Pressemeldung geht danach ausführlich auf die Perspektiven von Wasserstoff in Hamburg ein und preist die Erfahrungen von Vattenfall mit dieser Technologie: „Auch in Berlin beabsichtigen wir, Wasserstoff als Brennstoff auf unserem Weg in eine fossilfreie Wärmeversorgung einzusetzen. Und in Hamburg planen wir schon länger unsere Wasserstoffaktivitäten mit dem Fokus auf Industrie und Transport auszuweiten. … Darüber und zur Frage, ob und wie der Standort Moorburg für eine klimafreundliche Energieversorgung umgebaut werden kann, sprechen wir sehr gerne mit den Regierungen von Hamburg und der Bundesrepublik.“

Zeitgleich mit der Pressekonferenz Tschentschers wurde bekannt, dass Vattenfall der Stadt durch einen Verkauf seiner Mehrheitsanteile an der Müllverbrennungsanlage Rugenberger Damm (MVR) entgegengekommen ist. Über diesen Verkauf zwischen der Stadtreinigung Hamburg und Vattenfall war seit Jahren verhandelt worden, ohne dass bisher Fortschritte zu erkennen waren. Nähere Einzelheiten sollen erst später veröffentlich werden.

Reaktionen

Die Hamburger Grünen, die bisher die Energie- und Umweltbehörde (BUE) führen und daher im Senat für die Energiepolitik Hamburgs zuständig sind, zeigten sich von den Plänen Tschentschers (SPD) überrascht. Umweltsenator Kerstan im NDR-Video: „In allen Gesprächen von Vattenfall mit uns als Umweltbehörde hat Vattenfall die Umrüstung von Moorburg auf Erdgas als völlig unwirtschaftlich und illusorisch dargestellt.“

Das Hamburger Abendblatt vom 2. März 2020 sprach den SPD-Fraktionsvorsitzenden Kienscherf darauf an, dass Bürgermeister Tschentscher kurz vor der Wahl die Idee geäußert habe, das Kohlekraftwerk Moorburg früher als geplant abzuschalten und dort Wasserstoff zu erzeugen. „Dieses Vorhaben würde wahrscheinlich einige Milliarden Euro kosten. Die Grünen haben große Zweifel daran, dass es so funktionieren kann, wie Tschentscher sich das vorstellt.“ Kienscherf darauf (nach der Wahl): „Dann wird die SPD die Grünen überzeugen müssen (lacht). Ich bin mir aber sicher, dass auch die Grünen am Ende akzeptieren können, dass dieser SPD-Plan funktionieren wird.“

Der BUND Hamburg nahm Bürgermeister Tschentscher beim Wort: „Der alte und voraussichtlich neue Bürgermeister Peter Tschentscher hat noch kurz vor der Wahl das Aus der Kohle im Kraftwerk Moorburg ins Spiel gebracht. Jetzt muss er liefern und zeigen, wie das gehen kann.“

Die CDU nannte den SPD-Vorschlag ein Plagiat. Die Umrüstung des Kohlekraftwerks Moorburg auf Gas sei Bestandteil des 50-Punkte-Plans der CDU-Bürgerschaftsfraktion für Umwelt- und Klimaschutz, der bereits Anfang Dezember 2019 im CDU-Klimaplan vorgelegt wurde. Da sie das Kraftwerk Moorburg gerne an das Hamburger Fernwärmenetz anschließen würde, schlug sie vor, entweder einen Block auf Biomasse umzustellen oder das ganze Kraftwerk auf Gas. Das würde zwar zu hohen Investitionskosten führen, dürfte aber insgesamt sinnvoller und günstiger sein als wenige Kilometer entfernt ein vollständig neues Gaskraftwerk zu errichten, so die CDU.

Auch die FDP wies darauf hin, dass durch die Umrüstung Moorburgs auf Gas die Notwendigkeit entfalle, ein weiteres Gaskraftwerk für die Fernwärme auf der Dradenau zu errichten. Dieses „Sinnlos-Kraftwerk“ müsse dringend gestoppt werden.

Gigantische CO2-Emissionen

„Größtes Mahnmal ignoranter Energiepolitik Norddeutschlands“ nannte der BUND Hamburg das Kraftwerk Moorburg, in das 2,8 Mrd. € investiert wurden und das gigantische sechs bis acht Millionen Tonnen CO2 pro Jahr ausstößt. 6,26 Mio. Tonnen CO2 gab das Fraunhofer ISE für das Jahr 2018 an (Bild). Der BUND ist gegen einen Verkauf, da sich Vattenfall damit aus der Verantwortung stehlen wolle.

CO2-Emissionen des Kohlekrafwerks Moorburg

Umrüstung des Kraftwerks Moorburg auf Gas oder Biomasse?

Die Umrüstungs-Vorschläge sind bisher nicht ausgegoren oder sogar unsinnig. Eine Biomasse-Verfeuerung in einem Kraftwerksblock mit einer elektrischen Leistung von fast 800 MW könnte nur mit weiträumig herangeschaffter Biomasse vom Weltmarkt realisiert werden. Von Nachhaltigkeit könnte dabei keine Rede sein. Ein im Zentrum für Ressourcen und Energie im Stellinger Moor in Planung befindliches Biomasse-Heizkraftwerk hat gerade einmal eine Leistung von 30 MW.

Das von Vattenfall selbst in Kooperation mit der Hamburger Umweltbehörde als Ersatz für das Kohle-HKW Wedel vorgeschlagene Gaskraftwerk, das die Hamburg Wärme GmbH in der Dradenau plant, nutzt den Brennstoff Gas effizienter, als das bei einem mit viel Geld umgebauten Kraftwerk Moorburg möglich wäre.

Eine im Auftrag von Shell angefertigte, auf das Jahr 2016 bezogene Studie zur Umrüstung von Kohlekraftwerken auf Erdgas berichtet, dass nach Umrüstungsbeispielen in Deutschland einzig die Umstellung von Heizkraftwerken eine wirtschaftliche Grundlage hatte und hat. Das Kraftwerk Moorburg koppelt jedoch nur eine im Vergleich zu seiner Kapazität kleine Menge an Wärme aus. Ein Anschluss an das zentrale Hamburger Fernwärmenetz ist gegenwärtig nicht vorgesehen. Damit würde sich sogar die Frage stellen, ob nicht ein Neubau eines hochflexiblen Gaskraftwerks mit einem besseren elektrischen Wirkungsgrads als das umgerüstete Kraftwerk Moorburg als Ersatz für das Kohlekraftwerk Moorburg vorzuziehen wäre, bis genug Strom aus erneuerbaren Quellen verfügbar ist.

Die Studie kommt zum Ergebnis, dass sich eine Umrüstung bei einem CO2-Preis von 30 €/t CO2 theoretisch lohnen könnte. Gegenwärtig liege der Preis von Zertifikaten bei 25 €/t CO2. Allerdings dürfte bei diesem Wert eine 30-jährige Amortisationszeit unterstellt worden sein. Ein so langer Betrieb könne ausgeschlossen werden. Denn verschiedene offizielle Szenarien sähen vor, dass die Region Hamburg / Schleswig-Holstein bis zum Jahr 2035 vollständig mit erneuerbarem Strom versorgt werden solle.

Zeitliche Perspektive für eine Umrüstung des Kraftwerks Moorburg

Nach den Plänen der SPD könnte einer der beiden Blöcke des erst seit 2015 laufenden Kohlekraftwerks auf Gas umgestellt werden. Der zweite Block würde vom Netz gehen, sobald der erste Block umgerüstet ist. Das Gelände soll außerdem für einen Elektrolyseur zur Erzeugung von grünem Wasserstoff genutzt werden. Die Pläne zur Umrüstung sollen möglichst ab 2022 konkret werden.

Tschentscher machte deutlich, dass bis zu einer Realisierung der Idee noch viele Schritte zu gehen seien. Erste Gespräche mit dem Kraftwerksbetreiber Vattenfall habe es bereits gegeben. Die Hamburger SPD will nun eine Machbarkeitsstudie in Auftrag geben.

Die Pläne, das Kraftwerk Moorburg von Kohle auf Gas umzurüsten, sind nicht neu. Schon kurz nach der Inbetriebnahme dieses Steinkohle-Kraftwerks im Jahr 2015 war zu lesen, Vattenfall habe vor, das Kohlekraftwerk Moorburg in den nächsten fünf Jahren zu verkaufen. Man brauche Moorburg nicht zu besitzen und könne sich auf lange Sicht bessere Besitzer vorstellen, so der Vattenfall-Chef Hall gegenüber der Nachrichten-Agentur Reuters. Von Zeit zu Zeit wurden diese Verkaufsabsichten wiederholt.

Auch von einer Umrüstung auf Gas oder gar auf BiomasseHolz, Stroh oder Grünabfälle –  war die Rede. Das allerdings, so der schwedische Konzern, könne sich Vattenfall nicht allein leisten, das müsse die öffentliche Hand unterstützen.

19. Februar 2020
von Redaktion
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Hamburg als Vorreiter bei „CO2-freier“ Müll-Fernwärme

Gabriela Keller in der Berliner Zeitung zum „Nullsummenspiel“ Müll-Fernwärme

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Es war zu erwarten!

Wenn eine grün geführte Energie- und Umweltbehörde trotz aller Einsprüche der Zivilgesellschaft und trotz Empfehlungen des Hamburger Energienetzbeirats nicht davon ablässt, den Einflüsterungen der Fernwärme-Lobby-Organisation AGFW zu folgen und Fernwärme aus Müllverbrennungsanlagen als klimaneutral bewertet, dann finden sich bald eilfertige Nachahmer.

In Berlin wurde das Nullsummenspiel – die trickreiche Verlagerung von CO2-Emissionen aus Müllverbrennungsanlagen – immerhin von der örtlichen Presse, der Berliner Zeitung, aufgegriffen, entlarvt und problematisiert:

Aus dieser Reportage von Gabriela Keller:

Die grüne Senatorin Regine Günther [stützt sich] auf ein methodisch auffälliges Konzept: Die Studie berücksichtigt „Abwärmequellen mit einem Emissionsfaktor von 0 g pro kWh“. Anders gesagt: Die Energie, die bei der Verbrennung von Müll entsteht, wird als zu hundert Prozent CO2-frei verbucht.

Dies widerspricht üblichen Berechnungsmethoden und bringt Umweltschützer und Wissenschaftler auf: „Es ist strikt falsch, und es ist interessengeleitet“, sagt Günter Dehoust, Senior Researcher am renommierten Öko-Institut in Berlin, „und das Drama ist, dass sich viele Leute diese Berechnung zu eigen machen.“ Es gebe klare Berechnungsvorgaben für Abwärme, wie sie auch das Bundesumweltamt zu Grunde legt, sagt er: „Alle Studien, die ich kenne, berücksichtigen die CO2-Emissionen aus der Abwärme.“

Es ist nicht so, dass er die Müllverbrennung generell ablehne. Für bestimmte Mengen von Restmüll gebe es keine andere Lösung, und so lange dabei Wärme anfällt, solle man sie auch nutzen. „Man darf sie deswegen aber nicht klimaneutral darstellen.“ Ökologisch weitaus vorteilhafter wäre es, Abfälle zu recyceln. Wer dagegen Abfallwärme als CO2-neutral bilanziert, setze fragwürdige Signale: „Es ist ein Taschenspielertrick, denn es geht ja darum: Wie plane ich die Wärmeversorgung in der Zukunft? Wenn ich mir die Emissionen schön rechne, habe ich falsche Planungsgrundlagen, die dann bei politischen Entscheidungen zu Grunde gelegt werden.“

Und so lässt sich an diesem Beispiel verfolgen, wie Methoden von Lobbygruppen in die Bilanzierungsmethoden einfließen – und von politischer Seite akzeptiert werden:

Berlin ist nicht die einzige Stadt, in der Müllverbrennung als CO2-neutraler Energielieferant auftaucht. Auch Hamburg kalkuliert die Emissionen seines Fernwärmenetzes seit wenigen Jahren nach diesem Prinzip – ebenfalls unter Berufung auf den AGFW – auch dort ist ein grüner Umweltsenator verantwortlich.

Im Entwurf des Gebäudeenergie-Gesetzes findet sich der CO2-Faktor Null bei der Müll-Abwärme auf Bundesebene wieder.

Als „Primärenergiefaktor für den nicht erneuerbaren Anteil“ steht in Anlage 4 zu § 22, Absatz 1 des Entwurfs des Gebäudeenergiegesetzes von Ende Januar 2020:

16       Siedlungsabfälle        0,0

Gabriela Keller fand in der Machbarkeitsstudie von BET für einen Kohleausstieg in Berlin bis 2030 auf Seite xxxi einen

Satz, der stutzig macht: „Die Bewertung zeigt, dass eine Reduktion der Abfallmenge die kumulierten Emissionen erhöht, eine Erhöhung der Abfallmengen führt zu sinkenden Emissionen.

Heißt das, je mehr Müll verbrennt, umso besser fürs Klima? BET antwortet: „Dieses Thema ist sehr komplex und hier sind falsche Rückschlüsse schnell möglich.“ Grundsätzlich solle Müll bei der Verbrennung „thermodynamisch so hochwertig wie möglich“ verwertet werden. Die gemäß der Studie umgebaute Anlage weise „eine sehr hohe Effizienz auf und deswegen ist es tatsächlich gut für das Klima, wenn Müll dort (statt anderswo mit schlechterer Effizienz) thermisch verwertet wird.“

Eine bei komplexen Themen häufig verwendete Methode, unangenehme Fragen abzuwimmeln. Man geht nicht auf die gestellte Frage ein, sondern redet unter Verwendung von vielen nicht geläufigen Fachbegriffen über etwas, was gar nicht in Frage steht.

BET wählte für Vattenfall und die Stadt Berlin die Schwindel-Methode des AGFW für die Bilanzierung der Müll-Wärme:

Dabei weiß das Beratungsunternehmen sehr genau Bescheid, wie sich in der ausführlichen Fortsetzung dieses Kastens auf Seite 92 seiner Machbarkeitsstudie zeigt.

1. Februar 2020
von Redaktion
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Vertiefung der Weser – auf den letzten Drücker in ein Bundesgesetz geschmuggelt

Am 31. Januar 2020 hat der Bundestag das umstrittene Maßnahmengesetzvorbereitungsgesetz (MgvG) aus dem Hause von CSU-Verkehrsminister Andreas Scheuer beschlossen. Die LINKE und die Grünen sowie auch einige SPD-Mitglieder stimmten gegen dieses Gesetz.

Das verabschiedete Gesetz ist ein Teil eines größeren Vorhabens von CDU und CSU, die Beteiligungsrechte der Umweltverbände einzuschränken (12-Punkteplan).

Ganz in diesem Sinne versuchte auch die Hamburger Industrie, den Hamburger Senat zu entsprechenden Zugeständnissen zu bewegen.

Nach der Verabschiedung des Maßnahmenvorbereitungsgesetzes soll der Bundestag in der nächsten Zeit 8 Eisenbahnstrecken-Projekte und 6 Wasserstraßen-Projekte  per Gesetz genehmigen können, zum Beispiel zwei Fahrrinnen-Vertiefungen der Weser. Bislang entscheiden Behörden, ob Projekte verwirklicht werden. Bei Einsprüchen gilt das Verwaltungsrecht. Hintergrund dieser Entwicklung ist die Absicht, die Beteiligungsrechte von Umweltverbänden und -Initiativen zu beschneiden.

Erweiterungen des Gesetzes im letzten Moment

Noch am 28. Januar 2020 wurde, wie schon befürchtet, im Verkehrsausschuss neben der „Außenweser“ die umstrittene Fahrinnenvertiefung der Unterweser (Nord) und der Ausbau einer weiteren Eisenbahnstrecke in den Gesetzestext eingefügt. So wurden aus zunächst 12 Projekten insgesamt 14 Projekte.

Stand im Gesetzentwurf bisher das Projekt

„8. die Fahrrinnenanpassung der Außenweser“,

verabredeten die Bundestagsfraktionen von CDU/CSU und SPD auf Betreiben der SPD/CDU-Landesregierung in Hannover am 28.1.2020 im Verkehrsausschuss noch einzufügen:

„und der Unterweser (Nord)“.

Damit ist nicht nur die Außenweser nördlich von Bremerhaven von der Ausbaggerung betroffen, sondern auch der Unterweserabschnitt zwischen Brake und Bremerhaven (Bild).

„Wichtige Infrastrukturvorhaben müssen zukünftig sehr viel schneller geplant und umgesetzt werden, als das bislang der Fall ist“, sagte Ministerpräsident Stephan Weil (SPD) dem WESER-KURIER. Es gehe nicht an, dass ein modernes Industrieland in jahrelangen Genehmigungsverfahren den Anschluss verliere. „Deshalb hat Niedersachsen die Initiative dafür ergriffen, die Vertiefung der Unterweser in das Beschleunigungsgesetz aufzunehmen.“

Dass nun auch der Abschnitt Brake-Bremerhaven mit in das Gesetz aufgenommen wurde, zeige, „dass meine Kritik an dem Verfahren grundsätzlich richtig ist“, so Umweltsenatorin Maike Schaefer (Grüne). Dieses Gesetz ebne nun einen Weg für Infrastrukturprojekte, ohne dass sie ausreichend auf ihre Auswirkungen hin geprüft würden.

Mit diesem Gesetz müssten statt der dafür vorgesehenen Fachbehörden künftig die Abgeordneten prüfen, ob die komplexen Planungsentwürfe korrekt seien, kritisierte Martin Rode, Landesgeschäftsführer des BUND Bremen. In der Vergangenheit hätten die Gerichte die Weservertiefung bereits für rechtswidrig erklärt. „Statt die gerichtlich festgestellten, gravierenden Mängel zu beheben und sich dann der Überprüfung durch Öffentlichkeit und Umweltverbände zu stellen, soll die Planung nun auf juristisch höchst zweifelhaftem Wege durchgedrückt werden.“ 

Bedenken haben auch renommierte Verfassungsrechtler. Thomas Groß von der Universität Osnabrück spricht von einem Debakel, weil es mit dem europäischen Recht nicht vereinbar sei.  Der Ausbau per Gesetz schränke die Klagemöglichkeiten von Bürgern und Verbänden ein. Der Gang vor die Verwaltungsgerichte sei nicht mehr möglich. Betroffene, die enteignet werden sollen, könnten nur noch Verfassungsbeschwerde einlegen. Solche Fälle seien aber nicht Sache des Bundesverfassungsgerichtes.

Fahrrinnenvertiefung als „Klimaschutzmaßnahme“ ?

In der Begründung des Gesetzes findet man beim Projekt der Fahrrinnenvertiefung: „Insofern ist bereits allein im Hinblick auf die Klimaschutzwirkung das Allgemeinwohlinteresse an der möglichst schnellen Realisierung der genannten Wasserstraßenprojekte gegeben.“

Wo wie bei Eisenbahnstrecken die Regierung überhaupt zu Recht auf den Klimaschutz verweisen kann  – auch dieser müsse mit den Grundrechten Betroffener abgewogen werden, meint Groß: „Das eigentliche Ziel besteht darin, die bei vielen Verkehrspolitikern verhassten Klagen der Umweltverbände auszuschalten.“ Das widerspreche EU-Recht.

„Die Klimakrise braucht schnelles Handeln, deshalb wollen auch die Umweltverbände eine beschleunigte Planung“, so Kai Niebert vom Deutschen Naturschutzring. Eingeschränkte Klagerechte seien aber „rechtswidrig“, zudem „unwirksam“. Das eigentliche Problem seien fehlerhafte Unterlagen und fehlendes Personal. Die Verbände wollen nun juristisch gegen das neue Gesetz vorgehen. Gut möglich, dass es für die 14 jetzt im  Maßnahmengesetzvorbereitungsgesetz aufgeführten Projekte vorerst gar nicht vorangeht.

20. Januar 2020
von Redaktion
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Der extensive Einsatz des Klimakillers Sulfurylfluorid in Hamburg wirft viele Fragen auf

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Ein Flugblatt der AG UEV der LINKEN

Erst durch eine Schriftliche Kleine Anfrage des LINKEN-Abgeordneten Stephan Jersch scheint die Hamburger Umweltbehörde (BUE) auf den sehr stark gestiegenen Einsatz des extrem klimaschädlichen Insektizids Sulfurylfluorid (SO2F2, kurz SF) aufmerksam geworden zu sein, mit dem im Hamburger Hafen, aber wohl ebenso in anderen Häfen, vor allem Holzexporte begast werden. Bei den Berechnungen der BUE zum gegenwärtig viel diskutierten neuen Hamburger Klimaplan blieb SF völlig unberücksichtigt.

Die Klimaschädlichkeit der Freisetzungen von Sulfurylfluorid wurde in den bisherigen Presse-Berichten sogar noch untertrieben. Für das Treibhausgaspotenzial (GWP) von SF ist im Zusammenhang mit den Klimazielen von Paris nicht ein Zeithorizont von 100 Jahren (GWP = 4732), sondern ein Zeithorizont von 20 Jahren anzusetzen (GWP = 6965). Bei 203,65 Tonnen SF gemäß der Bürgerschaftsdrucksache 21/19518 vom 10.1.2020 geht es im Jahr 2019 daher um 1,418 Millionen Tonnen CO2-Äquivalente. Das ist mehr als der Ausstoß des Hamburger Steinkohle-Heizkraftwerks Tiefstack von 1,21 Millionen Tonnen CO2 im Jahr 2017.

Seit 2018 stieg die im Hamburger Hafen eingesetzte Menge von SF sehr stark an.

Die Umweltbehörde gab sich laut Hamburger Abendblatt überrascht. Sie monierte, die Hafen-Behörden hätte doch früher auf das Problem aufmerksam machen können. Die bisherigen Prognosen weltweit hätten eine wesentlich geringere Freisetzung von SF vermuten lassen, als es die Zahlen aus Hamburg jetzt ergeben hätten. Doch auch die Einsatzmenge von 51,20 Tonnen SF im Jahr 2018 entspricht schon 357.000 Tonnen CO2-Äquivalenten. Das ist ungefähr so viel, wie beim geplanten Ersatz des Heizkraftwerks Wedel an CO2 pro Jahr eingespart werden soll.

Die Umweltbehörde als Ganzes hat also geschlafen. Auf der Arbeitsebene wusste man möglicherweise Bescheid. Dafür spricht die Ausführlichkeit der Beantwortung der Anfrage von Jersch. Beim kürzlich vorgelegten neuen Hamburger Klimaplan wird bisher überhaupt nur CO2 berücksichtigt, nicht dagegen alle anderen klimaschädlichen Stoffe wie Sulfurylfluorid, aber auch Methan.

In der Presse wird jetzt behauptet, es gebe keinen Ersatz und die Importländer bestünden auf dem Einsatz von SF. Dabei nennen die von der Hamburger Wirtschaftsbehörde veröffentlichten  Vorschriften Australiens (Stand 31.8.2018) „für die „Behandlung von Hochrisikowaren“  „Hitzebehandlung bei 50°C für mindestens 20 Minuten (gemessen am kältesten Teil der Ware)“ noch vor der „Sulfurylfluorid-Begasung“.

Auch in der Senatsdrucksache wird auf Frage 9, ob es alternative Stoffe beziehungsweise Verfahren gebe, die den Zweck des Einsatzes von Sulfurylfluorid erfüllen, geantwortet: „Ja.“ Nämlich: „Thermische Behandlung (Wärmeentwesung): … Sämtliches nach China exportiertes Schnittholz wird wärmebehandelt.“ Warum sollte das nicht auch bei Stammholz machbar sein? Vermutlich ist für die Hafenwirtschaft der Einsatz des Klimakillers SF nur einfacher.

„Die zur Begasung eingesetzte Gasmenge wird nach der Begasung im Wesentlichen in die Atmosphäre freigesetzt, da die Substanz sich während der Begasung nicht zersetzt und das Abgas nicht gereinigt wird.“, so der Senat in der Drucksache (Frage 4).

Wenn SF überhaupt eingesetzt wird, warum wird es dann nicht nach Gebrauch durch Wasser geleitet?

Hierzu aus Fact Sheets: “In water, sulfuryl fluoride is rapidly broken down; half-lives of about 10 minutes to 3 days have been reported.” In Wasser würde es nach spätestens einigen Tagen zersetzt, im Gegensatz zur Freisetzung in die Atmosphäre, bei der das nicht geschieht.

SF ist nicht nur ein Klimakiller, sondern auch ein sehr gefährliches Gift. Dem Amt für Arbeitsschutz sind aber laut Drucksache keine Arbeitsunfälle mit SF bekannt. Es ist jedoch wirklich nicht schwer, Fallstudien zu tödlichen Vergiftungsfällen zu finden.

Deutschland verbraucht mehr Holz, als es selbst erzeugt. Dass nun auch in den zuständigen Behörden die Frage auftaucht, warum überhaupt Holz, noch dazu insektenbefallenes, in großen Mengen um den halben Erdball geschickt werden muss – ob der freie globale Handel in jedem Fall wichtiger ist als globaler Klimaschutz – das ist positiv. Man darf gespannt sein auf Ergebnisse.

Gegenwärtig wird die Schuld an diesem krassen Klimaschutz-Versagen nun hin und her geschoben. Von den Behörden zum Hafen und weiter.

Treibhausgas-Emissionen im Hamburger Hafen

Ein aktuelles, fast schon groteskes Beispiel, wie den Menschen, die einen ernsthaften Klimaschutz fordern, von den Entscheidungsträgern Sand in die Augen gestreut wird:

Auf ein Bürgerschaftliches Ersuchen hin (Drs. 21/10779 vom 8. November 2017) legte Wirtschaftssenator Westhagemann soeben einen „Nachhaltigkeitsbericht für den gesamten Hafen“ vor.

Darin ist vielfach von Treibhausgas-Emissionen (THG) die Rede. Als klimaschädigender Stoffe kommt in diesem 123 Seiten umfassenden Bericht aber nur CO2 vor – nicht Methan und auch nicht Sulfurylfluorid. Zufall oder ist dafür nur einfach niemand zuständig?

Die THG-Emissionen der Hamburg Port Authority (HPA) – sprich die CO2-Emissionen (direkte und indirekte) – liegen nach dem Nachhaltigkeitsbericht im Jahr 2018 zwar höher als im Jahr 2014, aber der Öffentlichkeit wird anderes mitgeteilt.
Die Botschaft für die Öffentlichkeit: „Hafen reduziert CO2-Ausstoß um 100.000 Tonnen“.

Wie passt das zusammen? Im Nachhaltigkeitsbericht erfährt man, dass die genannte CO2-Reduzierung „allein“ durch Maßnahmen der Teilnehmenden an einer „Projektgruppe“ erbracht wurde. Diese hat auch irgend etwas mit dem Hafen zu tun. Dazu gehören außer der Hamburg Port Authority, der Industrieverband Hamburg, die Logistik-Initiative Hamburg, der Verein Hamburger Spediteure, der Zentralverband Deutscher Schiffsmakler, der DGB  Hamburg, die Umwelt- und die Wirtschaftsbehörde und so weiter.

Leider weiß der Nachhaltigkeitsbericht noch nicht genau, wieviele Tonnen CO2 diese „Projektgruppe“ eingespart hat:
„Im Berichtszeitraum konnten allein durch Maßnahmen der Teilnehmenden der Projektgruppe circa 100.000 Tonnen CO2 eingespart werden. Die CO2-Emissionen, die ihren Ursprung im Hamburger Hafen haben, können aktuell noch nicht verlässlich ermittelt werden. Die Projektgruppe regt an, dass diese Daten in Zukunft validiert erfasst und auf einer transparent zugänglichen Plattform verfügbar gemacht werden.“

100.000 Tonnen CO2 – ist das nun viel oder wenig? „Die Hamburger Industrie hat von allen Sektoren bislang die mit Abstand geringste Einsparung an CO2-Emissionen geleistet.“ so der BUND Hamburg am 15. Mai 2019.

25. November 2019
von Redaktion
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Sommerpause für Kohlestrom aus Wedel und Tiefstack!

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Die Fraktion der LINKEN in der Hamburger Bürgerschaft beantragte am 23. Oktober 2019, das Kohleheizkraftwerk Wedel und den mit Steinkohle betriebenen Block in Tiefstack ab sofort außerhalb der für die Wärmeerzeugung notwendigen Heizperiode außer Betrieb zu nehmen (Drucksache 21/18777). Dieser Antrag wurde am 6. November 2019  in der Hamburger Bürgerschaft diskutiert.

Außerhalb der Heizperiode wird die für das Hamburger Fernwärmesystem notwendige Wärmemenge allein durch die Müllverbrennungsanlage Borsigstraße bereitgestellt. Die Kohle-Kraftwerke in Wedel und Tiefstack werden dafür nicht gebraucht. Auch nicht die Erdgas-Heizwerke und -Heizkraftwerke, die zum Fernwärmesystem gehören.

Dennoch verbrennen – abgesehen von einer etwa vierwöchigen Revisionspause – diese Kohlekraftwerke auch im Sommer fleißig Steinkohle, um den in Tiefstack und in Wedel mit einem schlechten Wirkungsgrad von nur 32 % (!) gewonnenen Strom zu vermarkten . Das folgende Bild zeigt die tägliche Stromerzeugung im Jahr 2018, aufgeschlüsselt nach Kohlekraftwerken in Hamburg.

Tägliche Stromerzeugung der Kohleblöcke Tiefstack 2 (hellgrün), Wedel 1 (hellblau) und Wedel 2 (dunkelblau) im Jahr 2018 (mit Daten von Fraunhofer ISE)

Der Rat der Stadt Wedel hatte schon am 1. Juli 2017 einstimmig beschlossen: „Der Rat der Stadt Wedel fordert die Freie und Hansestadt Hamburg dazu auf, das Heizkraftwerk Wedel nur noch in der Heizperiode zu nutzen und nicht – so wie aktuell – ganzjährig zur Stromerzeugung.“

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6. Juni 2019
von Redaktion
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Die Hamburger Umweltbehörde will bei der Bilanzierung von CO2-Emissionen weiter schummeln

Die Hamburger Umweltbehörde (BUE) tut sich ersichtlich schwer damit, zu erklären, warum beim Ersatz des Kohle-Heizkraftwerks Wedel die von ihr favorisierte „Südvariante“ besser sein soll als eine „Nordvariante“ im Stellinger Moor, die Alternative ohne den teuren und langwierigen Bau einer Elbtrasse. Die Südvariante ist wesentlich teurer, weil für die Elbtrasse mindestens 140 Mio. € aufzubringen sind. Daher will die BUE wenigstens mit der Behauptung punkten, durch diese Trasse würden umfangreiche erneuerbare Wärmequellen erschlossen. Zu diesem Zweck erklärt sie, Fernwärme aus der Müllverbrennung sei praktisch CO2-frei. Weiterlesen →

5. Mai 2019
von Redaktion
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Gegen den Import von verflüssigtem Fracking-Erdgas nach Deutschland

Antrag des HET im Energienetzbeirat am 18. April 2019

Mit einem Antrag, der im Energienetzbeirat am 18. April 2019 beraten wurde, wurde Umwelt-Senator Jens Kerstan gebeten, sich unter Ausschöpfung aller bestehenden Möglichkeiten gegen den geplanten Import von flüssigem Erdgas (LNG) aus Fracking-Quellen in die Bundesrepublik Deutschland einzusetzen. Insbesondere sollten die Pläne des Bundeswirtschaftsministeriums verhindert werden, die Kosten für die Anschlussleitungen zu den Terminals von den Gas-Verbrauchern tragen zu lassen. Weiterlesen →