Der Hamburger Energietisch

Für die Energiewende in Hamburg

LNG-Terminals in Wilhelmshaven?

Allgemeine Informationen zu verflüssigtem Erdgas und zu LNG-Terminals finden sich hier.

Baubeginn für das erste schwimmende Flüssigerdgas-Terminal in Wilhelmshaven

5. Mai 2022:  In Wilhelmshaven begannen in Anwesenheit von Bundeswirtschaftsminister Habeck die Arbeiten für das erste schwimmende Flüssigerdgas-Terminal .

Die Deutschen Umwelthilfe legte Widerspruch ein. Sie verlangt einen Baustopp, weil das Terminal Schweinswale gefährden und ein Unterwasser-Biotop unwiederbringlich zerstören könne. Für den rund 370 Meter langen Anleger werden 150 Stahlpfähle mit einer Länge von 50 Metern in den Meeresboden gerammt.

Die DUH sieht das Rechtsstaatlichkeitsprinzip verletzt, da Naturschutzverbände bisher nicht in die Planungen eingebunden worden sind, und hat deshalb Widerspruch gegen die Genehmigung eingelegt. Sie will in Kürze entscheiden, ob gerichtlich gegen die Planung vorgegangen werden soll. Auch der Naturschutzbund (NABU) kritisierte den Baubeginn: LNG „als ’saubere Energie‘ zu bezeichnen, sei geradezu zynisch“, sagte der Landesvorsitzende Holger Buschmann. Der erste Rammschlag „sei ein Trauertag und keiner, den man feiern kann“.

Habeck argumentierte, ohne das LNG-Terminal sei bei einem Lieferstopp Russlands die Versorgungssicherheit in Deutschland nicht gewährleistet. Von Gutachtern wird aber bezweifelt, ob neue LNG-Terminals in der BRD wirklich nötig sind.

Habeck ist optimistisch, dass zwei schwimmende LNG-Terminals noch in diesem Jahr zur Verfügung gestellt werden könnten. Zugleich befürwortet er eine Ausweitung der heimischen Gasförderung.

In der Regel dauere der Bau der erforderlichen Infrastruktur fünf Jahre, sagte der Minister. Nun solle es innerhalb einiger Monate geschehen, quasi „mit Lichtgeschwindigkeit“: „Wir machen hier etwas, das Deutschland lange nicht erlebt hat“, sagte Habeck.

Für Charterverträge von vier schwimmenden Speicher- und Wiederverdampfungseinheiten (FSRU) unterzeichnete die Bundesregierung eine Absichtserklärung. Uniper wird zwei der FSRUs betreiben, das Energieunternehmen RWE zwei weitere.

Eine der FSRU, die dem norwegischen Unternehmen Höegh LNG gehört, ist bereits in Wilhelmshaven einsatzbereit. Wilhelmshaven FSRU soll eine Kapazität von bis zu 7,5 Mrd. m³ pro Jahr haben und künftig rund 8,5 Prozent des deutschen Gasbedarfs decken. Die erste Umschlagsanlage, die von Uniper gebaut werden soll, soll ab dem Winter 2022/2023 einsatzfähig sein.

Das zweite Schiff, ebenfalls von der norwegischen Firma Hoegh, soll bis Anfang 2023 in Betrieb genommen werden. Zusammen genommen könnten sie den Import von 10 bis 14 Milliarden Kubikmetern Erdgas ermöglichen, so der RWE-Konzern.

Die Anbindung an das 28 Kilometer entfernte Erdgasleitungssystem und damit auch an den Erdgasspeicher Etzel soll von Open Grid Europe (OGE) so schnell wie möglich gebaut werden. Mit einer Kapazität von bis zu 7,5 Mrd. m3 pro Jahr sollen zunächst rund 8,5 Prozent des deutschen Erdgasbedarfs in Wilhelmshaven angelandet werden.

Uniper wird im Auftrag der deutschen Regierung zwei weitere Terminals vom griechischen Unternehmen Dynagas übernehmen. Sobald die griechischen Anlagen im kommenden Jahr in Betrieb sind, wird Deutschland über eine jährliche Regasifizierungskapazität von mindestens 20 Milliarden Kubikmetern verfügen. Das entspräche 50 Prozent der deutschen Gaseinfuhren aus Russland aus dem vergangenen Jahr. Zusammen mit Einsparungen lasse sich so das russische Gas größtenteils ersetzen.

Uniper will in seiner zweiten Projektphase bis 2025 parallel zur bestehenden Umschlagsanlage Voslapper Groden (UVG)  eine dauerhafte und erweiterte Hafenlösung für die FSRU realisieren.

Neben Uniper möchte die Projektgesellschaft Tree Energy Solutions (TES) ihr in Wilhelmshaven geplantes Wasserstoff-Importterminal für frühere LNG-Importe öffnen. Das belgische Unternehmen startet ab sofort ein dreistufiges Open-Season-Verfahren, das den Import von 16 bis 20 Mrd. Kubikmeter LNG ab dem Jahr 2025 ermöglichen soll.

Ab dem 25. April 2022 ist eine Open Season für alle Parteien zugänglich, die LNG importieren möchten, um die Energieabhängigkeit der EU und Deutschlands von Russland zu verringern. Interessierte Partner sollen eine Interessenbekundung für die Reservierung von Kapazitäten und Dienstleistungen für die Einfuhr von LNG-Mengen einreichen. Die Open Season umfasst drei Phasen: unverbindliche Interessenbekundung, verbindliches Bewerbungsfenster und Abschluss des verbindlichen Fensters.

TES plant, ab 2025 eine Initialkapazität von 16 bis 20 Milliarden Kubikmetern pro Jahr zu importieren. Das Terminal soll über die neue OGE 42″-Pipeline mit dem europäischen Hochdruckgasnetz verbunden werden.

Ab 2027/8 soll das Regasifizierungs-Terminal Wilhelmshaven als Teil des Wilhelmshaven Green Energy Hub zunehmend für Importe nicht-fossiler grüner Gase reserviert werden. Mit einer ähnlichen chemischen Zusammensetzung des auf erneuerbarem Wasserstoff und Kreislauf-CO2 basierendem Grüngases wie LNG will TES in der Lage sein, die neue und bestehende Gasinfrastruktur ohne Bedarf an weiteren Investitionen weiterhin zu nutzen, was einen frühzeitigen Übergang zu Importen und Transport von grünem Gas ermöglichen soll.

Planfeststellung für die Gasleitung zum LNG-Terminal in Wilhelmshaven beantragt

17. April 2022: Der NDR teilte am 17. April 2022 mit, für die 26 km lange Pipeline vom geplanten Flüssiggas-Terminal in Wilhelmshaven bis zu den Speicherkavernen in Etzel (Landkreis Wittmund) sei das Planfeststellungsverfahren beantragt worden. Die Planfeststellung solle schon bis Ende August erfolgen.

Die Firma Open Grid Europe (OGE) hat den Antrag auf Planfeststellung eingereicht. Die Planunterlagen werden am 5. Mai öffentlich gemacht. Betroffene Anwohnerinnen und Anwohner, Kommunen und Naturschutzverbände haben dann rund einen Monat Zeit, mögliche Argumente gegen den Streckenverlauf darzulegen. Außerdem wohl auch gegen die Pipeline allgemein. Denn bei der Umweltverträglichkeitsprüfung kann auch geprüft werden, wie stark Natur und Klima vom Bau und Betrieb der Pipeline betroffen sein werden. 

Insgesamt geht es um drei Pipeline-Projekte. Neben dem Projekt der OGE plant der Fernleitungsnetzbetreiber der EWE, GTG Nord, eine Leitung mit einer Kapazität von 6 Mrd. Kubikmeter, die von der OGE-Leitung abzweigt und die Speicher Nüttermoor und Huntorf einbindet. NWO will eine bestehende Ölleitung auf Gas umwidmen und an das Netz von Gasunie Deutschland anbinden. Die Kapazität beträgt ebenfalls 6 Mrd. Kubikmeter. Zusätzlich wäre eine Anbindung des NWO-Terminals an die OGE-Leitung möglich. Dazu bestehen aber noch keine konkreten Planungen. Alle Anschlüsse könnten bis Ende 2023 realisiert sein.

In einem Memorandum betonen die genannten Projektplaner, dass die Fertigstellung der ersten Anbindungsleitung bis Ende 2022 ambitioniert sei. Schon Ende März müssten die Rohre bestellt werden, eine Planfeststellung bis Ende August erfolgen. Das Unternehmen Salzgitter AG hat nach eigenen Angaben bereits mit der Produktion der Rohre begonnen. Die Leitung soll Energieminister Lies (SPD) zufolge zwar in offener Bauweise, aber komplett unterirdisch verlegt werden.

Damit die zwischen den drei Unternehmen abgestimmte Transportlösung möglichst schnell realisiert werden könne, sei eine „hochprioritäre Bedarfsfeststellung durch die Bundes- und Landespolitik sowie die Bundesnetzagentur nötig“, heißt es in dem Memorandum. Nach dem jetzt von OGE eingereichten Antrag auf Planfeststellung will GTG Nord dies im Laufe dieses Jahres tun.

Alle Unternehmen knüpfen ihre finalen Investitionsentscheidungen an vier Bedingungen:

  • Das Bundeswirtschaftsministerium und die Regulierungsbehörde sollen bestätigen, dass die Anbindungsleitungen im öffentlichen Interesse liegen und der öffentlichen Sicherheit dienen.
  • Die Leitungen müssen unabhängig vom Terminalbetrieb als bedarfsgerecht und Teil eines effizienten Netzbetriebs anerkannt werden.
  • Die Kosten müssen unabhängig von den Terminals als betriebsnotwendig anerkannt werden.
  • Die Kapitalkosten sollen auf Basis einer 15-jährigen linearen Abschreibung in der Kostenregulierung berücksichtigt werden.

Die Abschreibung von Gasnetzrohren erfolgt ansonsten in einem Zeitraum von etwa 60 Jahren.

Bauen der Infrastruktur schon vor einer Genehmigung?

9. April 2022:  Der niedersächsische Umweltminister Lies kündigte nach einem Bericht der WELT vom 4.4.2022 an, mit den Bauarbeiten für die Infrastruktur für die geplanten schwimmenden Terminals in Wilhelmshaven schon beginnen zu wollen, bevor die nötigen Baugenehmigungen erteilt worden sind.

Am 8.4.22 wurde mitgeteilt, der Fernleitungsnetzbetreiber Open Grid Europe (OGE) würde in den kommenden Monaten die Wilhelmshavener Anbindungsleitung (WAL) zum Abtransport der ersten LNG-Importe Deutschlands bauen. Die Leitung wird 30 Kilometer lang werden und anfangs eine jährliche Kapazität von 10 Mrd. Kubikmeter schaffen, kündigte OGE bei einem gemeinsamen Termin mit dem niedersächsischen Energieminister Olaf Lies (SPD) und Uniper an.

Endpunkt ist die Fernleitung NETRA in der Nähe des Gasspeichers in Etzel, von wo aus das Gas in den Süden und Osten des Landes transportiert werden soll. Darstellungen zum genauen Verlauf dieser Gasleitung wurden vom NDR zur Verfügung gestellt. Der Speicher Etzel liegt in der Nähe von Friedeburg.

Verlauf der Pipeline (Quelle: Niedersächsisches Ministerium für Umwelt, Energie, Bauen und Klimaschutz)

Wenn es nach Niedersachsens Umweltminister Olaf Lies (SPD) geht, soll noch bis Ende 2022 der Anschluss an das europäische Gasnetz fertig sein. Denn bereits Anfang 2023 will man in Wilhelmshaven über stationäre schwimmende LNG-Terminals (FSRU) mit dem Import von tiefgekühltem Flüssigerdgas beginnen.

Die Mittelstandsunion (MIT) in der CDU/CSU hat bereits ein zeitlich befristetes „Krisensonderplanungsrecht“ für den schnelleren Bau von LNG-Terminals und von anderer kritischer Infrastruktur für den Energieimport gefordert. Planungs- und Genehmigungsverfahren sollen damit von mehreren Jahren auf weniger als ein Jahr verkürzt werden.

Die CDU/CSU-Fraktion stellte am 5. April 2022 einen umfangreichen Antrag „LNG-Infrastruktur in norddeutschen Häfen schneller aufbauen“ im Bundestag. Darin wird gefordert

  • „dafür zu sorgen, dass systemrelevante LNG-Terminals und FSRU-Anlagen bis Ende des Jahres 2022 in Betrieb genommen werden, bzw. mit deren Bau begonnen wird und die Möglichkeiten der Planungs- und Genehmigungsbeschleunigung zu nutzen, bspw. durch die sog. Legalplanung;
  • unverzüglich die drei optionierten schwimmenden LNG-Terminals zu chartern und in einem Turbo-Verfahren im Wege der Legalplanung den Anschluss an das Offshore-Gasnetz herzustellen und so die Voraussetzungen zu schaffen, dass sie bereits im Winter 22/23 zum Einsatz kommen.“

Import von Flüssigerdgas (LNG) in Wilhelmshaven mit einer schwimmenden Plattform schon ab Herbst 2023?

20. März 2022:  Laut Niedersachsens Energieminister Lies soll in Wilhelmshaven sehr rasch eine schwimmende Anlande- und Speicherplattform geschaffen werden, eine sogenannte Floating Storage and Regasification Unit (FSRU). Dort soll flüssiges Erdgas (LNG) mit Tankern angelandet und zwischengelagert werden. Ein entsprechender Speicher verfügt laut Lies über eine Kapazität von knapp 10 Milliarden Kubikmeter. Lies hofft, dass damit schon ab Herbst 2023 LNG importiert werden könnte.

Schiffe dieser Art werden entweder auf Bestellung gebaut oder aus älteren LNG-Tankern umgebaut. Sie können innerhalb weniger Monate installiert werden. Eigentümer und Betreiber solcher FSRU-Anlagen berichten, eine Reihe von Anfragen von europäischen Projekten erhalten zu haben.

Importterminals an Land benötigen dagegen eine bestehende Infrastruktur. Der Bau dauert mehrere Jahre.

Bislang gebe es drei Projekte von Unternehmen, die den Import in Wilhelmshaven organisieren wollen (siehe unten). Laut Lies sollen sie bis 2026 folgen. Es müsse nun geprüft werden, wie und in welcher Reihenfolge diese Projekte umgesetzt werden könnten. „Wenn wir sie alle drei umsetzen würden, würden wir wirklich auf eine nennenswerte Leistungsfähigkeit kommen“, sagte Lies. Über die drei Anlagen könnten rund 25 Milliarden Kubikmeter Erdgas eingeführt werden. Das sei die Hälfte der Menge, die für Deitschland aus Russland bezogen werde. Es gebe es außer den schon bekannten Projekten auch eines auf dem Gelände der Nord-West Oelleitung GmbH, das in Frage käme.

Eine Taskforce „LNG Wilhelmshaven“ war Anfang März von Lies gegründet worden – neben einer weiteren namens „sichere Energieversorgung“. Die LNG-Taskforce soll „seitens der Landesregierung die Planung, Genehmigung und Umsetzung der aktuell diskutierten Green-Gas-Ready LNG-Projekte unterstützen“. Green-Gas-Ready soll bedeuten, dass für klimaneutrales „grünes Gas“ nicht erneut in Wilhelmshaven gebaut werden müsste. Anfang März hieß es, man wolle „keine fossilen Investitionsruinen schaffen“. Ausführlicher am 15. März: „Alle Anlagen, die LNG verflüssigt speichern und bei Bedarf in gasförmiges Erdgas umwandeln („regasifizieren“), so gebaut werden müssen, dass sie „Green-Gas-Ready“ sind.“ Ob das mehr ist als weiße Salbe, ist noch nicht bekannt.

Immer mehr Projekte zum Import von LNG und Wasserstoff-Derivaten in Wilhelmshaven

15. März 2022:  In Wilhelmshaven laufen gegenwärtig folgende Planungen für den Import von verflüssigtem Erdgas (LNG), von Ammoniak und von synthetischem Methan aus Übersee:

►  Import von LNG entsprechend der Ankündigung von Bundeskanzler Scholz mit zwei Projekten,

►  Import von synthetischem Methan durch TES von der belgischen Investorengruppe AtlasInvest und

►  Import von Ammoniak aus Russland nach Plänen der Konzerne Uniper und Novatek.

Alle vier Projekte sind aus ökologischer Sicht in unterschiedlichem Maß nicht nachhaltig.

Verflüssigtes Erdgas aus Fracking-Quellen in Nordamerika ist ähnlich klimaschädlich wie Kohle. Die beiden geplanten Wasserstoff-Import-Arten (in Form von synthetischem Methan und in Form von Ammoniak aus Erdgas) sind nicht so klimafreundlich wie der Import von erneuerbarem Ammoniak, welches nicht aus Erdgas, sondern mit erneuerbarem Strom aus Wasser hergestellt wird.

Die hektische Ankündigung von Bundeskanzler Scholz am 27. Februar 2022, in Brunsbüttel und Wilhelmshaven LNG-Terminals bauen zu lassen, könnte sich als besonders unsinnig erweisen, wenn nun in Wilhelmshaven durch das belgische Unternehmen TES, das zu AtlasInvest gehört, das LNG-Projekt 2, Import von verflüssigtem Erdgas, verwirklicht werden sollte. TES hatte geplant, im mittleren Osten synthetisches Methan mit Hilfe von erneuerbarem Strom zu erzeugen, es zu verflüssigen und per Schiff nach Wilhelmshaven zu bringen (Projekt 3). Da sich das hierfür geplante Terminal in Wilhelmshaven auch für den Import von LNG aus Fracking-Quellen eignet, schwenkte TES nun sehr schnell auf ein entsprechendes Angebot um (Projekt 2, von TES „Phase 1“ genannt). Die vorangehende Planung zum Import von verflüssigtem synthetischen Methan hätten zwar kein vollständig grünes Methan und keinen grünen Wasserstoff ergeben, sie wären aber weit weniger klimaschädlich gewesen, als der jetzt mit dem Projekt 2 vorgesehene Import von Fracking-Erdgas.

Projekt 1: Import von verflüssigtem Erdgas

27. Februar 2022:   Bundeskanzler Olaf Scholz kündigte nach der Invasion Russlands in die Ukraine in einer Regierungserklärung an: „… und schließlich haben wir die Entscheidung getroffen, zwei Flüssiggas-Terminals – LNG-Terminals – in Brunsbüttel und Wilhelmshaven schnell zu bauen. Bundeswirtschaftsminister Habeck möchte ich für seinen Einsatz dabei ganz ausdrücklich danken. … Ein LNG-Terminal, in dem wir heute Gas ankommen lassen, kann morgen auch grünen Wasserstoff aufnehmen.“

Auf Wunsch des Bundeskanzleramts will nun der Energiekonzern Uniper den Bau eines LNG-Terminals erneut prüfen. Ob und in welcher Form sich der Bund auch hier beteiligt, ist im Moment noch unklar. In Branchenkreisen heißt es, es werde intensiv verhandelt.

Auch aus Sicht von Niedersachsens Energieminister Olaf Lies (SPD) sollte der Bau eines LNG-Terminals wegen des Krieges in der Ukraine so schnell wie möglich umgesetzt werden. Lies laut SZ: „Gemeinsam mit dem Bund müssen wir die Genehmigungsverfahren dringend verkürzen und die Hemmnisse für eine schnelle Umsetzung herabsetzen. Darüber werden wir auch mit der Europäischen Union Gespräche führen.“ Notfalls könnten dabei noch nicht getroffene Entscheidungen von Behörden nach Ablauf einer bestimmten Frist auch als Zustimmung gewertet werden. Ein eigenartiges Rechtsverständnis!

Lies halte es für realistisch, dass 2024 erste LNG-Kontingente ankommen könnten. Diese Zeitangabe von Lies erscheint sehr zweckoptimistisch. Schon am 9. Februar 2022 hatte der NDR gemeldet, nach Einschätzung des niedersächsischen Umwelt- und Energieministers Lies (SPD) könnte es doch wieder eine Zukunft für das in Wilhelmshaven geplante LNG-Terminal geben. Lies sei zuversichtlich, dass ein schwimmendes Terminal in Wilhelmshaven doch gebraucht werden könnte.

Ein Rechtsgutachten der DUH hält ein LNG-Terminal aufgrund der naheliegenden Naturschutzgebiete sowie der Risiken im Störfall für nicht genehmigungsfähig. Für das LNG-Terminal in Brunsbüttel wird geschätzt, dass es bei rechtlichen Widersprüchen im Genehmigungsverfahren nicht vor 2027 betriebsfertig sein wird.

Nach der Ankündigung von Bundeskanzler Scholz am 27.2.22 erklärten sich die Grünen in Wilhelmshaven bereit, ein LNG-Terminals zu akzeptieren. Ein neues Gas-Terminal sei ein sinnvoller Schritt in Richtung Energiewende. Erdgas müsse langfristig mit grünem Methan ersetzt werden.

Erdgas sei „ein Brandbeschleuniger der globalen Klimakrise“, sagte dagegen Jennifer Zauter von Fridays for Future Niedersachsen. Deutschland brauche daher keine neue Erdgas-Infrastruktur, „um die Abhängigkeit von autokratischen Regimen wie Russland zu beenden, sondern den konsequenten Ausbau der erneuerbaren Energien“.

Die Deutsche Umwelthilfe (DUH) bekräftigte ihre grundsätzlichen Bedenken gegen den von Bundeskanzler Scholz (SPD) angekündigten Bau von Importterminals für Flüssigerdgas (LNG) in Deutschland. DUH-Geschäftsführer Sascha Müller-Kraenner betonte, es müsse geklärt werden, ob die bestehenden LNG-Kapazitäten in Europa und den europäischen Nachbarländern Deutschlands ausreichten, oder ob es darüber hinaus noch Bedarf gebe.

Die Stadt Wilhelmshaven will nach der Ankündigung von Bundeskanzler Olaf Scholz (SPD) für den Bau eines LNG-Terminals in Wilhelmshaven sofort in das Projektmanagement einsteigen. Die Pläne würden jetzt reaktiviert und aktualisiert, und man wolle sie angesichts der geopolitischen Lage auch mit Geschwindigkeit und mit dem Bund und dem Land umsetzen», sagte Wilhelmshavens Oberbürgermeister.

Die Frage sei jetzt, ob der Bund die Infrastruktur selbst erstellen wolle oder die Privatwirtschaft das übernehmen solle. Auch wenn alles sehr gut liefe, wäre aus Sicht Feists eine Inbetriebnahme wohl frühestens in zweieinhalb bis drei Jahren möglich.

Projekt 2: Import von verflüssigtem Erdgas

3. März 2022:  Neben dem Energiekonzern Uniper meldete nach der Ankündigung von Bundeskanzler Scholz auch die belgische Investorengruppe Atlasinvest mit der Projektgesellschaft Tree Energy Systems (TES H2) Interesse am Bau eines LNG-Terminals in Wilhelmshaven an. TES wollte mit einer großen Wasserstoff-Fabrik schon 2023 beginnen (siehe Projekt 3). Jetzt soll es stattdessen so schnell wie möglich um ein Terminal für allgemeines verflüssigtes Erdgas gehen. TES kündigte an, den operativen Start der „Phase 1“ (LNG-Import) bis Winter 2025 in großem Maßstab sicherzustellen.

Allein das LNG-Terminal in Wilhelmshaven könnte schon in den ersten Jahren bis zu 30 Milliarden Kubikmeter Erdgas nach Deutschland bringen, erklärte der Chief Operational Officer von TES, Waterlander. Zum Vergleich: 2020 verbrauchte die Bundesrepublik insgesamt 87 Milliarden Kubikmeter Erdgas. Aus Russland stammte gut die Hälfte davon. Dass allein mit dem von TES geplanten Terminal in Wilhelmshaven das Gas aus Russland zu einem großen Teil ersetzt werden könnte, wie das Handelsblatt folgerte, beruht wohl auf einer Fehlkalkulation, da nicht zwischen „in den ersten Jahren“ und einem Jahr unterschieden wurde.

Projekt 3: Erneuerbares Methan statt amerikanisches Fracking-Gas?

Am 22.1.2022 wurde unter der Überschrift „Energiepark Wilhelmshaven   Erneuerbares Methan statt amerikanisches Fracking-Gas“ gemeldet: „Investorengruppe AtlasInvest aus Belgien will mit politischer Unterstützung Import von grünem Wasserstoff und Export von CO2 ermöglichen.“

Die belgische Investorengruppe Atlasinvest beabsichtigt mit der Projektgesellschaft Tree Energy Systems (TES H2) in Wilhelmshaven ein Import-Terminal für synthetisches Methan zu bauen. Mit einer großen Wasserstoff-Fabrik soll schon 2023 begonnen werden.

Das Methan soll im Mittleren Osten mit Hilfe von grünem Wasserstoff erzeugt werden. Nach dem Schiffstransport des verflüssigten Methans soll in Wilhelmshaven mit autothermer Methanreformierung wieder Wasserstoff hergestellt werden. Das bei dieser Wasserstoff-Erzeugung abgeschiedene CO2 soll in einem Kreislauf in den Mittleren Osten zurückgebracht und wieder für die Methanerzeugung genutzt werden.

Ein Teil des synthetischen Methans soll direkt ins deutsche Erdgasnetz eingespeist werden. Kunden aus der Industrie sollen anteilig das grüne Gas kaufen können, und sich anrechnen lassen – um also entsprechend weniger CO2-Zertifikate kaufen zu müssen. Sollten diese Kunden das Methan verbrennen, müssten sie sich dazu verpflichten, das Kohlendioxid aus den Abgasströmen abzuscheiden und es verflüssigt zurück nach Wilhelmshaven zu pumpen.

Zu diesem Zweck planen der Fernleitungsnetzbetreiber OGE und Tree Energy Solutions (TES) den Bau eines CO2-Netzes. Ausgehend vom TES-Importterminal für grünes Gas in Wilhelmshaven soll es unter anderem über Bremen bis nach Wolfsburg und Salzgitter führen. Im Westen ist ein Ausbau ins Ruhrgebiet und weiter ins Rheinland geplant. Auch die Anbindung an die Niederlande über Bunde ist im Startnetz vorgesehen. Weitere Ausbaurouten nach Ost- und Süddeutschland sind angedacht. 

Große Pläne. Otto Waterlander, Chief Commercial Officer bei TES: „Unser Projekt Wilhelmshaven wird bis 2045 10 % des gesamten jährlichen Primärenergiebedarfs Deutschlands decken, was etwa dem jährlichen Energieverbrauch von 43 Mio. Haushalten im Land entspricht.“

Es sollen 2,5 Milliarden Euro investiert werden. Vier bis sechs eigens konstruierte Supertanker der sogenannten Suez-Klasse sollen verflüssigtes synthetisches Methan aus dem Mittleren Osten nach Wilhelmshaven bringen. Von 2027 an soll in Wilhelmshaven Methan mit einem Energiegehalt von 25 Terawattstunden (TWh) angelandet werden, aus dem eine halbe Million Tonnen Wasserstoff hergestellt werden können. Bis zur Endstufe sollen diese Energielieferungen auf das Zehnfache steigen. Zum Vergleich: Für das Jahr 2030 wird mit einem Wasserstoffbedarf der BRD von rund 100 TWh gerechnet.

Vereinfacht ausgedrückt könnte also verflüssigtes Fracking-Erdgas aus Nordamerika durch verflüssigtes synthetisches Methan – Hauptbestandteil des Erdgases – aus dem Mittleren Osten ersetzt werden. Klimaneutral wäre der daraus gewonnene Wasserstoff allerdings nicht. Denn angerechnet werden müssten insbesondere die Klimaschäden von Methanemissionen aus der Lieferkette, die Emissionen vom Energieverbrauch der Methanisierung, der Verflüssigung des Methans und der Rückgewinnung des Wasserstoffs.

Es  ist aber auch ein Betrieb der geplanten Anlage als LNG-Terminal für fossiles Erdgas möglich. Die Deutsche Umwelthilfe hat daher darauf hingewiesen, dass das Methan-Terminal auch von entsprechenden LNG-Tankern angefahren werden könnte, da die Prozesse zur Abnahme identisch seien. Nach der Ankündigung von Bundeskanzler Scholz, in Brunsbüttel und Wilhelmshaven LNG-Terminals bauen zu lassen, reagierte die Firma TES sofort mit einem entsprechenden Angebot (Projekt 2).

Projekt 4: Import von „erneuerbarem“ Ammoniak aus russischem Erdgas

28 Februar 2022:  Nach dem Stopp der Planung eines LNG-Terminals in Wilhelmshaven durch Uniper Ende 2020 ließ die LNG Terminalgesellschaft Wilhelmshaven (LTeW) mehrere neue Optionen bewerten, mit denen der Standort Wilhelmshaven als Importhafen für umweltfreundliches Gas genutzt werden könnte. Mitte Juni 2021 wurde das Ergebnis in einer Potenzialstudie vorgestellt. Die Studie kann genutzt werden, um die Pläne für einen Ammoniak-Import aus Russland und einen Methan-Import aus dem Mittleren Osten zu bewerten.

Uniper und das russische Erdgas-Unternehmen Novatek vereinbarten Ende Dezember 2021 Eckpunkte für die Lieferung von bis zu 1,2 Millionen Tonnen von kohlenstoffarmem Ammoniak pro Jahr aus Russland. Uniper plant ein Ammoniak-Import-Terminal in Wilhelmshaven, das mit einem Speicher und einem mit Ökostrom betriebenen Ammoniak-Cracker ausgestattet werden soll. Mit dem Cracker kann Ammoniak in seine Bestandteile Wasserstoff und Stickstoff zerlegt werden.

Uniper ist aus dem Konzern E.ON durch Abspaltung der fossilen Stromerzeugung aus Kohle und Gas hervorgegangen. Seit März 2020 gehört Uniper mehrheitlich dem finnischen Energiekonzern Fortum. Zu den Kernaktivitäten von Uniper gehört die Stromerzeugung in Europa und Russland.

Novatek, der zweitgrößte Gaskonzern Russlands, beabsichtige, ein LNG-Terminal in Rostock bauen. Dieser Plan wurde jedoch aufgegeben. Nun will das Unternehmen eine Anlage zur Herstellung von „CO2-armem“ Ammoniak auf der Jamal-Halbinsel im Nordwesten Sibiriens errichten. Ammoniak soll hier mit „blauem Wasserstoff“ erzeugt werden und dann per Schiff nach Wilhelmshaven transportiert werden.

„CO2-arme“ Gase verursachen nach einer von der EU-Kommission verwendeten Definition „während ihres gesamten Lebenszyklus mindestens 70 % weniger Treibhausgasemissionen als fossiles Erdgas“.  

„Blauer Wasserstoff“ entsteht wie „grauer Wasserstoff“ durch Aufspaltung von Erdgas unter Hitze in Wasserstoff und CO2. Das CO2 soll abgeschieden und gespeichert werden (Carbon Capture and Storage, CCS), damit es nicht in die Atmosphäre gelangt.

Novatek will bei der Herstellung von Wasserstoff aus russischem Erdgas das entstehende Kohlendioxid in einer hocheffizienten unterirdischen Speicherinfrastruktur auffangen und dauerhaft speichern. Der CO2-Fußabdruck des gelieferten Ammoniaks soll deutlich unter dem genannten Schwellenwert der EU-Taxonomie bleiben.

Ammoniak, das aus Wasserstoff und Stickstoff erzeugt wird, soll per Schiff nach Wilhelmshaven transportiert werden. Mit einem Cracker kann hier wieder Wasserstoff gewonnen werden. Alternativ kann Ammoniak in der Düngemittelproduktion eingesetzt werden.

Mit der Salzgitter AG hat Uniper bereits eine Absichtserklärung zur Produktion von klimafreundlichem Stahl mit „grünem“ Wasserstoff aus Wilhelmshaven unterzeichnet. Neben dem geplanten Importterminal für Ammoniak mit einem Cracker sieht Uniper eine Großelektrolyse-Anlage vor, die mit einer Leistung von bis zu 1000 MW grünen Wasserstoff erzeugen soll. Dazu soll eine Direktanbindung von neu zu errichtenden Offshore-Windparks in der Nordsee geprüft werden.

„Wasserstoff als Ammoniak“ und „Blauer Wasserstoff mit CO2-Lagerung“ werden ausführlicher in den Abschnitten 3.2.5 und 3.2.9 der Potenzialstudie behandelt.

Einfacher wäre es, wenn fossiles Erdgas in verflüssigter Form (LNG) nach Wilhelmshaven geliefert und hier in Wasserstoff und Kohlenstoff aufgespalten würde. Dann müsste C oder CO2 jedoch in Deutschland im Untergrund dauerhaft gelagert werden. Das ist wegen entsprechender Gesetze in der BRD kaum möglich.

Das Bundesministerium für Bildung und Forschung behauptet, blauer Wasserstoff könne bilanziell als CO2-neutral betrachtet werden. Das ist jedoch stark anzuzweifeln, da innerhalb der gesamten Lieferkette viel klimaschädliches Methan entweicht, nicht das gesamte CO2 eingefangen werden kann und eine sichere Abspeicherung von CO2 im Untergrund in Frage steht.

Die Invasion von russischen Truppen in der Ukraine hat möglicherweise die Aussichten für dieses Projekt stark beeinträchtigt. Der niedersächsische Wirtschaftsminister Althusmann erklärte in einem Video im NDR am 28.2.2022 zur Zusammenarbeit von Uniper und Novatek: „Novatek ist ja kein kleines Energieunternehmen. Es ist etwas kleiner als Gazprom. Es ist einer der Haupt-Erdöl- und Erdgaslieferanten in Sibirien – für die Welt sozusagen – und von daher wird bei derzeitigen Sanktionen gegenüber Russland mit diesem Unternehmen mit Sicherheit kein Vertrag zustande kommen.“

Nach einer eigenen Darstellung von UNIPER („Green Wilhelmshaven“) kommt jedoch nicht nur Russland als Lieferant von Ammoniak (NH3) in Betracht.

In einer umfangreichen Erklärung teilte UNIPER am 7. März 2022 mit, dass die Gespräche mit dem russischen Unternehmen Novatek über den Import von Ammoniak auf Eis gelegt worden seien.


Bekundung des „Desinteresses“ an einem LNG-Terminal in Wilhelmshaven und Stopp des Projekts

1. November 2020:   Der Konzern UNIPER hat am 21. September 2020 Marktteilnehmer eingeladen, „ihr Interesse an Durchsatzkapazitäten für das LNG-Terminalprojekt zu bekunden.“ Das Interessenbekundungsverfahren lief vom Dienstag, dem 22. September 2020, bis zum Freitag, dem 30. Oktober 2020. UNIPER stellte dazu weitere Informationen über das Projekt zur Verfügung.

Am 30. Oktober 2020 bekundeten 39 Umweltverbände und Einzelpersonen in einem Offenen Brief ihr Desinteresse an dem Terminal zum Import von verflüssigtem Fracking-Erdgas und riefen zur Unterzeichnung einer Petition gegen LNG-Terminals in Deutschland auf.

Der Text des Offenen Briefes ist so überzeugend, dass er unten vollständig abgedruckt ist.

Und der Protest war erfolgreich: Nach zahlreichen Protesten stoppte Uniper die Planungen für den Bau eines LNG-Terminals und den Import von Fracking-Gas und kündigte die Prüfung einer Import-Infrastruktur für Wasserstoff an.

Uniper zog wegen mangelnder Nachfrage einen Schlussstrich unter Pläne für ein LNG-Terminal am Standort Wilhelmshaven. Die Deutsche Umwelthilfe begrüßte die Absage des LNG-Terminals und mahnte hohe Umwelt- und Sicherheitsstandards beim Import von Ammoniak an.

 

Offener Brief an die LNG Terminal Wilhelmshaven GmbH (LTeW) / Uniper SE

Franziusstr. 10, 40219 Düsseldorf

Berlin, 29. Oktober 2020

Sehr geehrte Damen und Herren,

wir bedanken uns für die Möglichkeit, uns an Ihrem Verfahren zur Interessensbekundung an Durchsatzkapazitäten für das geplante LNG-Terminal in Wilhelmshaven beteiligen zu können.

Hiermit bekunden wir, die unterzeichnenden Organisationen, unser ausdrückliches und verbindliches Desinteresse an Kapazitäten des geplanten Fracking-Gas—Import-Terminals. Wir sind darüber hinaus der Auffassung, dass die Durchsatzkapazitäten des Projekts genau 0 m³ Gas betragen sollten. Die Planungen sollten unverzüglich aufgegeben werden.

Unser Desinteresse begründen wir wie folgt.

  • Deutschland braucht keine neue fossile Gasinfrastruktur – und kann sich auch keine leisten. Unabhängige Studien zeigen immer häufiger, dass Deutschland keine neue fossile Infrastruktur benötigt, um Versorgungssicherheit zu gewährleisten[i], und dass unser Erdgasbedarf perspektivisch fallen statt steigen wird und muss.[ii] Zudem ist die Auslastung bestehender LNG-Terminals in Europa bereits jetzt sehr niedrig – zwischen 2012 und 2017 betrug die durchschnittliche Auslastungsquote lediglich rund 20 %.[iii] Darüber hinaus ist neue Gasinfrastruktur unvereinbar mit dem Erreichen unserer Klimaschutzziele. Ein LNG-Terminal in Wilhelmshaven zementiert und verlängert unsere Abhängigkeit von fossilen Energien und führt unweigerlich zu Fossil Lock-In und sog. Stranded Assets, also Investitionsruinen – all das wird zukünftigen Generationen teuer zu stehen kommen.
  • LNG und insbesondere Fracking-Gas ist mindestens so klimaschädlich wie Kohle. Die Bundesregierung[iv] hat dies kürzlich bestätigt und Fracking-Gas – insbesondere in Form von LNG – als ähnlich klimaschädlich wie Kohle eingestuft. Aber auch die wahre Klimaschädlichkeit von sog. konventionellem Erdgas kommt immer deutlicher zum Vorschein. Konnten sich Unternehmen bis vor kurzem noch hinter internen Berechnungen verstecken, treten nun immer öfter unabhängige Messungen durch Kameras, Flugzeuge und Satelliten an deren Stelle. Durch sie offenbart sich, dass das Problem der Methan-Emissionen entlang der Lieferkette – von der Gewinnung über Verarbeitung, Transport und bis hin zur Nutzung – wesentlich größer ist als bisher angenommen. So wurde in den USA bspw. durch Messungen ermittelt, dass die Methan-Emissionen 2015 um 60 % höher lagen als von der US-Umweltschutzbehörde EPA angegeben; statt 1,4 % entweichen 2,3 % der gesamten Produktion in die Atmosphäre – und das schon bevor das fossile Erdgas nach Europa oder in andere Teile der Welt gelangt.[v] Berechnungen von Prof. Howarth, Cornell University, NY, zufolge ist gefracktes Erdgas für mehr als die Hälfte aller weltweit gestiegenen Emissionen aus fossilen Brennstoffen und etwa ein Drittel der insgesamt in den letzten zehn Jahren weltweit gestiegenen Emissionen aus allen Quellen verantwortlich.[1] Es wird immer deutlicher: die Größe des Problems der Methanemissionen ist noch weitgehend unbekannt, aber in jedem Fall unterschätzt. Erdgas ist eine Brücke ins Nichts.
  • Die LNG-Terminals dienen insbesondere dazu, Fracking-Gas aus den USA nach Deutschland zu importieren. Laut Peter Altmaier sind die Terminals eine „Geste gegenüber unseren amerikanischen Freunden“. Die Projekte sind damit keine reinen Privatunternehmungen, sondern Instrumente der Geopolitik zwischen den USA und Deutschland. Um Strafzölle auf Stahl und Autos in den USA zu vermeiden, soll Deutschland mehr Fracking-Gas importieren – dies ist der politisch vorgegebene Zweck dieser Terminals.[vi] Gefracktes Gas aus den USA ist laut aktuellen Studien besonders klimaschädlich.[vii] Zudem werden dort nach wie vor massiv Umweltstandards abgebaut: Aus 2 Millionen stillgelegten Bohrlöchern entweicht Methan und Betreiber müssen Bohrstellen seit kurzem nicht mehr routinemäßig überprüfen.[viii] Hinzu kommt, dass mit Uniper ein Investor in Wilhelmshaven tätig ist, der seinerseits Flüssigerdgas aus dem umstrittenen kanadischen LNG-Goldboro-Projekt abnehmen will. Auch dieses Export-Terminal wird zumindest zum Teil auf Fracking-Gas aus den USA und Kanada zurückgreifen müssen, wie kanadische Aktivist*innen dargelegen.[ix]
  • Das LNG-Terminal hält das fossile Zeitalter in Deutschland künstlich am Leben. Die Möglichkeit einer (zeitlich nicht definierten) späteren Nutzung des Terminals im Sinne der Energiewende ist derzeit komplett ungeklärt. Es ist z. B. völlig unklar, ob und inwiefern eine spätere Nachrüstung eines LNG-Terminals zur Anlandung von Wasserstoff technisch möglich ist. Der Import von synthetischem Methan, der in anderen Ländern mithilfe von grünem Wasserstoff hergestellt wurde, ist mit hohen Umwandlungsverlusten verbunden. Auch gibt es derzeit kein potentielles Partnerland, das seine Energieversorgung zu nahezu 100 % dekarbonisiert hat. Priorität muss daher die Erzeugung von grünem Wasserstoff in Deutschland haben. Vage Pläne für eine nicht-fossile Nutzung des LNG-Terminals in unbestimmter Zukunft haben dabei keinen Platz.
  • Das LNG-Terminal ist nur durch Subventionen und rechtliche Änderungen überhaupt wirtschaftlich. Die Kosten für den Leitungsbau für den Anschluss des Terminals können aufgrund einer Änderung der Gasnetzzugangsverordnung zu 90% auf die Gaskunden umgelegt werden – dies, obwohl die Bundesnetzagentur ursprünglich die Anschlussleitungen aus dem Netzentwicklungplan genommen hatte, um „Gaskunden vor unnötigen Kosten zu schützen“.[2] Durch die Rechtsänderung sollte der Bau der Terminals für Investoren attraktiver gestaltet werden. In Wilhelmshaven werden die Betreiber der Anlage so um 78,3 Millionen Euro entlastet – und die Verbraucher belastet.[x] Hinzu kommen indirekte Subventionen, bspw. durch die Gründung der „LNG-Agentur Niedersachsen“ durch das Land Niedersachsen, deren Ambition es ist, „die Entwicklung einer LNG-Infrastruktur und der LNG-Technologie […] in Niedersachsen und speziell in der Küstenregion zu unterstützen“.[xi]
  • Das LNG-Terminal in Wilhelmshaven ist nicht genehmigungsfähig. Ein Rechtsgutachten der DUH bestätigt, dass das Terminal aufgrund der naheliegenden Naturschutzgebiete sowie der Risiken im Störfall nicht genehmigungsfähig ist.[xii]

Aufgrund der dargelegten Umstände empfehlen wir, eine negative endgültige Investitionsentscheidung zu treffen. Weder wird eine ausreichende Nachfrage für zusätzliches fossiles Gas bestehen, noch ist der Bau des Terminals wirtschaftlich tragfähig – er verursacht im Gegenteil Folgeschäden in Milliardenhöhe durch Stranded Assets, einem Fossil Lock-in und immer extremer werdende, von der Gesellschaft zu tragende, Klimaschäden. Wenn wir die Klimaschutzziele einhalten und die Erhitzung unserer Welt noch begrenzen wollen, dürfen wir keine neue fossile Infrastruktur errichten.

[1] https://bg.copernicus.org/articles/16/3033/2019/

[2] https://www.bundesnetzagentur.de/SharedDocs/Pressemitteilungen/DE/2018/20181220_NEP.html

[i] https://www.umweltbundesamt.de/sites/default/files/medien/1410/publikationen/2019-04-15_cc_12-2019_roadmap-gas_2.pdf

[ii] https://www.diw.de/documents/publikationen/73/diw_01.c.593445.de/18-27-1.pdf

[iii] https://www.oxfordenergy.org/wpcms/wp-content/uploads/2020/01/Finding-a-home-for-global-LNG-in-Europe-NG-157.pdf

[iv] https://www.deutschlandfunk.de/bundesregierung-fracking-gas-aehnlich-klimaschaedlich-wie.2850.de.html?drn:news_id=1182509

[v] https://www.nature.com/articles/d41586-018-05517-y

[vi] https://klima-der-gerechtigkeit.de/2020/07/30/us-fracking-lng-und-russisches-gas-per-nordstream-2-deutschlands-doppelspiel-erhitzt-geopolitische-gemueter-und-das-klima/

[vii] https://www.dovepress.com/methane-emissions-and-climatic-warming-risk-from-hydraulic-fracturing–peer-reviewed-article-EECT

[viii] https://taz.de/Umweltdesaster-in-USA/!5702587/

[ix] https://klima-der-gerechtigkeit.de/2020/09/29/keine-deutschen-finanzgarantien-fuer-klimaschaedliche-lng-foerderung-in-kanada/

[x] https://klima-der-gerechtigkeit.de/2020/07/30/us-fracking-lng-und-russisches-gas-per-nordstream-2-deutschlands-doppelspiel-erhitzt-geopolitische-gemueter-und-das-klima/

[xi] https://www.mariko-leer.de/portfolio-item/lng-agentur-niedersachsen/

[xii] https://www.duh.de/presse/pressemitteilungen/pressemitteilung/deutsche-umwelthilfe-enthuellt-planungsmaengel-fuer-weiteres-lng-terminal-fluessigerdgas-anlage-bei-wil/

Mit freundlichen Grüßen
Für die untenstehenden Unterzeichner*innen:
Constantin Zerger, Leiter Energie und Klimaschutz
Deutsche Umwelthilfe e.V., Hackescher Markt 4, 10178 Berlin
E-Mail zerger@duh.de