Der Hamburger Energietisch

Für die Energiewende in Hamburg

17. August 2021
von Redaktion
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Das IfaS als Lobbyist für Buschholz aus Namibia

Bemerkungen zur „Replik“ des Instituts für angewandtes Stoffstrommanagement IfaS auf das DUH-Gutachten von Schick und Ibisch

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Auf massive Kritik am Buschholz-Gutachten von UNIQUE – antwortet das IfaS

A. Schick und P. Ibisch von der Hochschule für nachhaltige Entwicklung Eberswalde veröffentlichten im Auftrag der Deutschen Umwelthilfe (DUH) am 30. April 2021 ein Gutachten „Namibian ‘Bush encroachment’ in context: an ecological perspective on current and future dryland greening, its causes and consequences“. Darin wurde die Buschholz-Studie Seebauer et al. (2019) der UNIQUE GmbH (“Greenhouse Gas Assessment of Bush Control and Biomass Utilization in Namibia”) heftig angegriffen. Die UNIQUE-Studie beruhe auf falschen Annahmen und veralteten wissenschaftlichen Erkenntnissen. Folglich werde die Fläche und das Ausmaß der Gehölzausbreitung in Namibia grob überschätzt. „Die Ergebnisse stellen die Kohlenstoffbilanzen und die Nachhaltigkeitsbewertungen der Buschholzernte ernsthaft in Frage.“

Die schon von mehreren Seiten hart kritisierte Forstberatung UNIQUE hüllt sich zu diesen Vorwürfen und zur Kritik in vorangehenden kritischen Gutachten, Stellungnahmen und parlamentarischen Anfragen in totales Schweigen. Das fällt nicht schwer, wenn der Auftraggeber, die Gesellschaft für Internationale Zusammenarbeit (GIZ), und das Bundesministerium für wirtschaftliche Entwicklung und Zusammenarbeit (BMZ) öffentlich feststellen, es gebe an diesem Gutachten nichts zu beanstanden. Das BMZ am 26.5.2021: „Aufgrund der anhaltenden Kritik wurde die Studie nochmals durch den Fach‐ und Methodenbereich der GIZ geprüft und es konnten keine Beanstandungen festgestellt werden.“ Angesichts der Vielzahl der veröffentlichten schweren Kritikpunkte eine skandalöse Antwort, die das Vertrauen der Zivilgesellschaft in die Arbeit von GIZ und BMZ untergraben kann.

Anstelle von UNIQUE meldete sich Ende Juli 2021 das Trierer Institut für angewandtes Stoffstrommanagement IfaS mit einer 31 Seiten langen „Replik“ zu Wort (Heck/Ohlde 2021), obwohl das IfaS und seine Veröffentlichungen in der DUH-Studie von Schick und Ibisch mit keinem Wort erwähnt wurden. Die Hamburger Umweltbehörde BUKEA hat ihren Buschholz-Prüfprozess am 18. Mai 2021 ausgesetzt. Das Buschholz-Projekt könnte daher bereits als gescheitert betrachtet werden (mopo). Nun versucht das IfaS offenbar eine Rettung des Plans zum Export von namibischem Buschholz, dem es vor neun Monaten eine 173 Seiten lange, von der GIZ beauftragte Machbarkeitsstudie gewidmet hat. Die Hamburger Umweltbehörde BUKEA hat für den Spätsommer einen „Bericht zum aktuellen Stand des Prüfprozesses“ angekündigt. Um den Einfluss auf diesen könnte es dem IfaS gehen.

Ein Rettungsversuch für den Export von Buschholz nach Europa

Schick und Ibisch griffen in ihrem 104 Seiten langen, auf Englisch verfassten Gutachten einen Pfeiler der Argumentation von UNIQUE und IfaS an. Im Auftrag des GIZ-Projekts BCBU hatten diese behauptet, in Namibia wachse so viel Buschholz, dass ein Stopp und eine Reduzierung der „Verbuschung“ nur durch einen umfangreichen Export von Buschholz, das in Europa verbrannt werden sollte, erreichbar wäre.

Die Feststellung von Schick und Ibisch steht in Übereinstimmung mit Abschnitt 9 des HET-Gutachten, Rabenstein 2021, „Buschholz aus Namibia: Ersatz für die Steinkohle in Deutschland?“, das unter besonderer Berücksichtigung des durch Wildfeuer zerstörten Buschholzes zum Ergebnis kam, dass für einen Stopp der „Verbuschung“ ein Holz-Export aus Namibia nicht erforderlich sei. Leider droht der Umfang der Buschbrände in der gegenwärtigen Feuer-Saison in Namibia noch größer zu werden als bereits in den letzten Jahren. [1] [2]

In der Kontroverse zwischen Schick/Ibisch und Heck/Ohlde geht es schwerpunktmäßig um Daten, die per satellitengestützte Fernerkundung gewonnen werden. Zu diesen technischen Fragen werden sich sicherlich Schick und Ibisch klarstellend äußern.

Hier soll nur auf die Behauptungen des IfaS am Ende ihrer „Replik“ eingegangen werden, die sich mit dem Klima und dem Umfang des Buschholzgeschäfts befassen.


Jährlicher Mittelwert der globalen Temperatur an der Erdoberfläche im Vergleich zur Temperatur ohne menschlichen Einfluss (Bild: IPCC_AR6_WGI_SPM 2021)

Befeuern der Klimakrise durch Verbrennen von Frischholz

Schick und Ibisch verweisen zur Klimawirkung des Verbrennen von Frischholz auf eine vielbeachtete Studie von Leturcq 2020. [3] [4]

Es ist einfach zu begreifen, worum es in diesem Zusammenhang geht:

  1. Beim Verbrennen von Holz wird pro bereitgestellter Energiemenge mehr CO2 freigesetzt als beim Verbrennen von Kohle (der Emissionsfaktor ist höher).
  2. Es dauert Jahrzehnte, bis nachwachsendes Holz eine entsprechende Menge CO2 wieder aufgenommen hat, so dass ab diesem Zeitpunkt von „Klimaneutralität“ gesprochen werden könnte.
  3. Zur Einhaltung der Klimaschutz-Ziele des internationalen Abkommens von Paris 2015 müssen die CO2-Emissionen innerhalb des nächsten Jahrzehnts halbiert werden. Daher müssen unbedingt und schnellstmöglich alle vermeidbaren CO2-Emissionen unterbleiben, zumal dann, wenn es wie in Hamburger Heizkraftwerken klimafreundlichere Alternativen gibt.

Veränderung der Niederschläge bei einer globalen Temperaturerhöhung von 4 °C. In Namibia wäre eine Verringerung um 20 bis 40 Prozent zu erwarten. (Bild: IPCC_AR6_WGI_SPM 2021)

Die Autoren des IfaS äußern sich dazu so:

Leturq (S. 7) führt weiterhin aus: “Energy substitution has an immediate adverse greenhouse effect since the emission factor of wood is higher than that of any other fuel. The possibility of regeneration for the exploited stands, and, in that case, the existence of a time delay beyond which a GHG benefit may be expected, cannot hide this inescapable physical reality. The time horizons set for the achievement of greenhouse gas emission reduction objectives (30 to 80 years) are, in most cases, less than this time to sequestration parity. …“ [5]

Leturq hat also lediglich ein Problem mit der Dauer bis zur Wiedereinlagerung des freigesetzten Kohlenstoffs. Und somit ist die Art der Landnutzung von besonderer Bedeutung, da diese über die Kohlenstoffentwicklung im System entscheidet.

Das ganze Gutachten beschäftigt sich ansonsten überhaupt nicht mit dem Thema der Treibhausgase. Für die Biomassepartnerschaft gibt es jedoch sehr detaillierte Annahmen zu den THG Bilanzen, die eingebaut in die Formeln Leturcqs genau das Gegenteil von dem produzieren würden, was die Gutachter zeigen wollen: Biomasse aus Buschholzausdünnung ist THG neutral. Vor allem der Aufwand für Ernte und Logistik wird überkompensiert durch die Entwicklung des SOC unter einer multifunktionalen Landnutzung. Die Wiedereinlagerung des entnommenen Kohlenstoffes ist bei Savannen-Buschbiomasse im Rahmen einer optimierten Landnutzung wesentlich kürzer als in mitteleuropäischen oder temperierten Wäldern. Nur um dies beurteilen zu können, müssten die Gutachter sich mit Namibia, der Savanne, C4 Gras und den geplanten Managementmaßnahmen intensiver beschäftigen.

Biomasse aus Buschholzausdünnung ist also den IfaS-Autoren zufolge „Treibhausgas-neutral“. Zur Begründung werden immer noch die „Entwicklung des SOC unter einer multifunktionalen Landnutzung“ angeführt. SOC ist der organische Kohlenstoff im Boden (Teil des Humus). Er soll sich angeblich nach der Umwandlung von Buschland in Grasland vergrößern. UNIQUE wird diese Behauptung kaum mehr wiederholen, nachdem sie in Kapitel 5 des HET-Gutachtens Rabenstein 2021 ausführlich widerlegt wurde und nachdem das Umweltbundesamt die Einschätzungen dieses Gutachtens unterstützt hat.

Während abgeholzte Bäume in Wäldern normalerweise rasch nachwachsen können, soll das im Konzept von UNIQUE und IfaS gerade für längere Zeiträume verhindert werden. Auf den gerodeten Flächen sollen Rinder gezüchtet werden, die das Klima mit ihrem Methan-Ausstoß belasten. Für die IfaS-Autoren ist das alles aber „THG-neutral“!

Der Machbarkeitsstudie des IfaS mit ihren Treibhausgas-Berechnungen hat sogar die Hamburger Umweltbehörde die Qualität einer wissenschaftlichen Publikation abgesprochen. Im HET-Gutachten wurden zahlreiche, teils grobe Fehler des IfaS in dessen Treibhausgas-Berechnungen offen gelegt. Das IfaS schweigt dazu und ignoriert die HET-Gutachten.

Es geht nicht um den Stopp der Verbuschung,
sondern um das große Geschäft

Zum Umfang des geplanten Buschholz-Geschäfts schreiben die IfaS-Autoren:

„Stand des Wissens ist, dass Namibia auf ca. 45 Mill ha invasiv verbuscht ist. Und Fakt ist auch, dass die Regierung davon 15 Mill. ha entbuschen will. Bei nachhaltig zu entnehmenden Mengen von 10 -12 t pro ha wären dies alleine 150 – 180 Mill t Biomasse. Das derzeitige Erntevolumen liegt bei 2 Mill t Biomasse pro Jahr. Selbst wenn dies verdoppelt würde, könnte über 20 Jahre der gewünschte Zustand nicht erreicht werden. Und dabei sind die Ausbreitungsrate und die Zuwachsrate der Buschbiomasse noch überhaupt nicht berücksichtigt.“

Die Regierungsabsicht, 15 Mill. ha zu entbuschen, stammt aus den im Jahr 2015 geplanten Verpflichtungen Namibias (INDC) zur Verminderung von Treibhausgasen. Bei der Formulierung war die Regierung davon ausgegangen, dass durch die Entbuschung Treibhausgase vermindert werden würden. Wenn sich nun laut unabhängigen, vom deutschen Umweltbundesamt unterstützten Gutachten gezeigt hat, dass eine Entbuschung sehr klimaschädlich wäre, käme die namibische Regierung vielleicht zu einer anderen Selbstverpflichtung.

Zu diesen 15 Mill. Hektar, die laut INDC Namibias „entbuscht“ werden sollen, bemerkt sogar UNIQUE auf Seite 22 seines Gutachtens:

“However, the plan to establish 15 million ha of grassland through bush thinning by year 2030 appears to be unrealistic. Future revised NDCs should provide more details supported by calculations to explain how this target can be achieved, as it is an important component of Namibia’s mitigation strategy and contributed 6% to the planned mitigation target.” [6]

Dem IfaS reicht eine Buschausdünnung in diesem Umfang dagegen noch nicht. In seiner Machbarkeitsstudie setzt es beispielsweise auf Seite 165 einen Maßstab von 105 Buschholz-Industrieparks, jeweils mit 250.000 Tonnen Buschholz-Ernte pro Jahr, verteilt über das ganze Land Namibia – „nachhaltig“ natürlich.

Eine Schlussfolgerung, an der somit kaum vorbeizukommen ist: Den IfaS-Autoren dürfte es schlicht an der Qualifikation für die Beurteilung von Klimawirkungen fehlen. Sie sind in diesem Fall nicht als Wissenschaftler, sondern als Lobbyisten zu betrachten, denen es um ein großes Geschäft geht. Die Hamburger Umweltbehörde sollte das erkennen, statt wie bisher dem IfaS und dessen Mit-Lobbyisten wie N-BIG aus Namibia weiterhin in weiten Teilen ihres Buschholz-Prüfprozesses die Initiative zu überlassen.

Prof. Dr. Dietrich Rabenstein, 17.8.2021

[1] Brände wie noch nie zuvor, AZ, 9.8.21, https://www.az.com.na/nachrichten/brnde-wie-noch-nie-zuvor2021-08-09/

[2] Umstände der Holzkohle-Produktion, AZ, 12.8.21, https://www.az.com.na/nachrichten/umstnde-der-holzkohle-produktion2021-08-12/

[3] Leturcq, P.: GHG displacement factors of harvested wood products: the myth of substitution. Sci Rep 10, 20752 (2020). https://doi.org/10.1038/s41598-020-77527-8, https://www.nature.com/articles/s41598-020-77527-8

[4] Hierzu auch Leturcq, P.: Wood preservation (carbon sequestration) or wood burning (fossil-fuel substitution), which is better for mitigating climate change? Annals of Forest Science (2014) 71:117–124 https://hal.archives-ouvertes.fr/hal-01098394/document

[5] „Die Energiesubstitution hat einen unmittelbaren negativen Treibhauseffekt, da der Emissionsfaktor von Holz höher ist als der jedes anderen Brennstoffs. Die Möglichkeit der Regeneration der genutzten Bestände und in diesem Fall das Vorhandensein einer zeitlichen Verzögerung, nach der ein Nutzen für die Treibhausgasemissionen erwartet werden kann, kann diese unausweichliche physikalische Realität nicht verbergen. Die Zeithorizonte, die für die Erreichung der Ziele zur Verringerung der Treibhausgasemissionen festgelegt wurden (30 bis 80 Jahre), sind in den meisten Fällen kürzer als die Zeit bis zur Sequestrationsparität.“

[6] „Der Plan, bis zum Jahr 2030 15 Millionen Hektar Grasland durch Buschdurchforstung zu schaffen, scheint jedoch unrealistisch zu sein. Künftige überarbeitete NDCs sollten mehr Details enthalten, die durch Berechnungen unterstützt werden, um zu erklären, wie dieses Ziel erreicht werden kann, da es eine wichtige Komponente von Namibias Minderungsstrategie ist und 6 % zum geplanten Minderungsziel beiträgt.“

2. August 2021
von Redaktion
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Umweltbundesamt gegen Verbrennung von Buschholz aus Namibia in Deutschland

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Der Hamburger Energietisch (HET) hat am 27. April 2021 in einem Brief an das Umweltbundesamt (UBA) um eine Stellungnahme zur energetischen Verwertung von Buschholz aus Namibia in Deutschland gebeten. Das UBA antwortete am 13. Juli 2021.

Ein Kernsatz der an den HET gerichteten Stellungnahme des UBA zu den Plänen der Gesellschaft für Internationale Zusammenarbeit (GIZ) in ihrem Projekt BCBU (Bush Control and Biomass Utilization) zur Nutzung von Busch-Biomasse in Namibia und zur Verbrennung dieser Biomasse in Heizkraftwerken in Hamburg lautet:

„Der Kritik an den Plänen und den Schlussfolgerungen, die Sie aus den Berechnungen durch Herrn Professor Dr. Rabenstein ziehen, können wir uns weitgehend anschließen.“

Der HET, ein vom UBA anerkannter Umweltverband, hatte seine Anfrage an das UBA gerichtet, nachdem er vom Staatsrat der Hamburger Umweltbehörde (BUKEA) erfahren hatte, dass diese die Expertisen des Bundesministeriums für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (BMZ) und des Umweltbundesamtes (UBA) zu ihrem Prüfprozess hinzuziehen werde.

Bild: FfF Windhoek

Literatur- und Datengrundlage für die Stellungnahme des UBA

In seiner Bitte um eine Einschätzung und Beurteilung durch das Umweltbundesamt setzte der HET einen Schwerpunkt auf die Klimawirkung der energetischen Nutzung von Buschholz aus Namibia, die durch die Gesellschaft für Internationale Zusammenarbeit (GIZ) im Auftrag des BMZ vorbereitet worden war.

Der HET unterrichtete das UBA einerseits über Studien der Forst-Beratung UNIQUE und des Instituts für angewandtes Stoffstrom-Management IfaS im Auftrag des GIZ-Projekts BCBU (Bush Control and Biomass Utilization)

  • [Seebauer 19]:  Seebauer, M. et al.: Greenhouse Gas Assessment of Bush Control and Biomass Utilization in Namibia, 2.12.2019
  • [Heck 20]:  Heck, P. et al.: Road Map to a Biomass Industrial Park in Namibia. 19.11.20  bzw. 14.4.2021

und andererseits über zwei im Auftrag des HET ausgearbeitete kritische Gutachten.

Dabei handelt es sich um ein Kurzgutachten vom Juni 2020 zu den Auswirkungen auf das globale Klima, das sich mit [Seebauer 19] und den darin enthaltenen Szenarien auseinandersetzte:

  • [Rabenstein 20]:  Rabenstein, D.:  Verwertung von Buschholz aus Namibia in Hamburg: Auswirkungen auf das globale Klima. 12.6.2020

und ein ausführlicheres Gutachten vom April 2021, das vollständig an das „Hamburg Szenario“ von [Heck 20] angepasst ist und das die Studie [Seebauer 19] einer vertieften Kritik unterzog:

  • [Rabenstein 21]:  Rabenstein, D.:  Buschholz aus Namibia: Ersatz für die Steinkohle in Deutschland? 29.3.2021

Hervorgehoben wurden vier in [Rabenstein 21] beschriebene gravierende Mängel und Fehler in der Studie [Seebauer 19]:

  • Es fehlt ein Basis-Szenario (Kapitel 5.1).
  • Für die Änderungen des organischen Kohlenstoffs (SOC) in namibischen Böden werden falsche Daten in Rechnung gestellt (Kapitel 5.2).
  • Die Ermittlung des Netto-Zuwachses an Buschholz ist sehr unvollständig (Kapitel 9 und 10).
  • Das vom namibischen Stromversorger Nampower geplante 40 MW-Buschholz-Kraftwerk wurde falsch bewertet (Kapitel 8).

Darüber hinaus wurde das UBA darauf aufmerksam gemacht, dass im vorliegenden Zusammenhang sowohl  gegenüber UNIQUE als auch  gegenüber dem IfaS begründete Bedenken im Hinblick auf eine objektive Gutachtertätigkeit bestehen.

Auf mögliche Auswirkungen auf die Biodiversität, den Wasserhaushalt und den Beschäftigungssektor in Namibia wurde ergänzend hingewiesen. Von zahlreichen Verbänden sind diese in Stellungnahmen und Offenen Briefen an die Gesellschaft für Internationale Zusammenarbeit (GIZ) und das BMZ zur Sprache gebracht worden:

Einige Auszüge aus der Stellungnahme des Umweltbundesamtes

„Das UBA beobachtet vergleichbare Maßnahmen und Pläne bundesweit seit Jahren kritisch und wir sind über ihre Zunahme in den letzten Jahren, insbesondere im Zuge von Fördermaßnahmen zur Wärmewende und zum Kohleausstieg, sehr besorgt. Im Hinblick auf die Nutzung von Bioenergie vertreten wir die Auffassung, dass im Sinne des Klima-, Umwelt- und Ressourcenschutzes, nur biogene Rest- und Abfallstoffe zum Einsatz kommen sollten, die nachweislich keiner weiteren stofflichen oder chemischen Nutzung zugeführt werden können.“

Importiertes Holz müsste „unter Bedingungen gewonnen werden, die mindestens dem Anspruch an Nachhaltigkeit genügen, der an die Bewirtschaftung deutscher Wälder gelegt wird. Dies alleine EU-weit oder gar weltweit sicher zu stellen erscheint aus unserer Sicht derzeit aber nicht möglich.“

Für die Pläne in Hamburg und den Einsatz von Buschholz aus Namibia gilt: „Den verfügbaren … Quellen ist zu entnehmen, dass … möglicherweise eine auf Jahrzehnte hin reduzierte Menge an in der Landschaft gebundenem Kohlenstoff zu erwarten [wäre] sowie ggf. zusätzliche Emissionen aus der Tierhaltung, deren Ausweitung auf den neu- oder wiedergewonnenen Weideflächen ausdrücklich beabsichtigt ist. Vor dem Hintergrund eines solchen Szenarios kann das UBA unter Gesichtspunkten des Klimaschutzes keine positiven Effekte der für Hamburg geplanten Maßnahmen erkennen. Es besteht vielmehr das signifikante Risiko, alleine mittels derart langfristig geminderter Senkenleistung auf Landschaftsebene über Jahre hinweg eine kaum zu tilgende bilanzielle Kohlenstoffschuld anzuhäufen, die dem Klimaschutz insgesamt abträglich ist.“

Das UBA sieht deutliche ökologische „Risiken von ggf. nicht sachgerecht durchgeführten, großflächigen Entbuschungsmaßnahmen, wo insbesondere konstant hoher Nachfragedruck eine problemgerechte, den lokalen landschaftsökologischen Erfordernissen angepasste Ernteweise verhindert und/oder eine zwingend notwendige langfristige Pflege der Flächen (weiterhin) nicht erfolgt. Diese ökologischen Aspekte sind zudem auch entscheidend für die Plausibilität von Annahmen zur langfristigen Kohlenstoffbilanz der Flächen, sichern sie doch den vermuteten Wiederaufwuchs von Gras und gewünschten Gehölzen zum Ausgleich der initialen Kohlenstofffreisetzung ab.“

Auf der Basis der vom HET aufbereiteten Literatur- und Datengrundlage kommt auch das UBA zu dem Schluss, „dass das Vorhaben zur Verbrennung von Buschholz aus Namibia in Hamburg dem damit intendierten Klimaschutz nicht dient.“

Bild: FfF Windhoek

Vor dem Hintergrund der problematischen Klimabilanz des Nutzungspfades „Export von Buschholz zur Verbrennung“ erscheint es dem UBA ratsam, „einen diversifizierten Ansatz lokaler und regionaler Ressourcennutzungen zu priorisieren, der die lokale Wertschöpfung maximiert und flexibler auf unterschiedliche ökologische und sozioökonomische Rahmenbedingungen abgestimmt werden kann. Wo für ein Generationenprojekt wie den Erhalt einer diversen – auch unter Bedingungen des Klimawandels intakten – Savannenlandschaft in Namibia weiter Unterstützung durch die deutsche Technische Zusammenarbeit gewünscht wird, sollte diese den namibischen Partnern auch unabhängig von Wirtschaftlichkeitserwägungen zukommen.“

Bild: FfF Windhoek

Das UBA hat seiner Stellungnahme eine kommentierte Version des Gutachtens [Rabenstein 21] „Verwertung von Buschholz aus Namibia in Hamburg – Auswirkungen auf das globale Klima“ beigefügt. Der vom UBA im Abschnitt 8.4 (Bild 15) festgestellte Additionsfehler ist in der aktuellen Version 1.1 des Gutachtens bereits korrigiert. Auswirkungen auf die Kritik an den Gutachten von UNIQUE und IfaS ergeben sich daraus nicht.

Von besonderer Bedeutung ist, dass ein weiteres wissenschaftliches Gutachten, das von der Deutschen Umwelthilfe in Auftrag gegeben wurde, zu einem vernichtenden Urteil über die Datengrundlage der von der GIZ unterstellten Buschholz-Ressourcen in Namibia kam:

  • [Schick, Ibisch 21]:  Schick, A. and Ibisch, P.: Namibian ‘Bush encroachment’ in context: an ecological perspective on current and future dryland greening, its causes and consequences, 14.4.2021.

Konsequenzen für den Buschholz-Prüfprozess in Hamburg

Inzwischen scheint auch die Hamburger Umweltbehörde das Bundesministeriums für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (BMZ) und das Bundes-Umweltministerium (BMU) um Stellungnahmen gebeten zu haben. Vom BMU ist dabei eine ähnliche Bewertung zu erwarten wie vom Umweltbundesamt. Das BMZ und die GIZ werden wahrscheinlich wie schon in ihren Antworten auf die oben genannten Anfragen jegliche Kritik an der Arbeit des GIZ-Projekts BCBU und an den in dessen Auftrag durchgeführten Gutachten von UNIQUE und IfaS abweisen.

Das BMZ hat in einer Antwort auf einen Offenen Brief an das BMZ stellvertretend für die namibische Regierung eine Zunahme von Treibhausgas-Emissionen durch die Ausdünnung des Buschbestandes als „nachrangig“ bewertet:

„Der Erhalt der Biodiversität und der wirtschaftlichen Nutzbarkeit entsprechender Flächen werden dabei aufgrund ihrer Bedeutung für den Lebensunterhalt der lokalen Bevölkerung aus nationaler Perspektive höher bewertet als eine eventuell mögliche Zunahme von Emissionen durch die Ausdünnung des Buschbestands.“

Zudem erachtet das BMZ eine Nutzung des namibischen Buschholzes bei Beschränkung auf den jährlichen Zuwachs als „klimaneutral“ – angesichts der Komplexität des Vorgangs und der Brisanz der Klimakrise ein Offenbarungseid:

„Eine Beschränkung auf die Nutzung des jährlichen Zuwachses der Busch‐Biomasse, der etwa 3 Prozent beträgt und sich damit auf ca. 9‐13,5 Millionen Tonnen beläuft, wird als klimaneutral erachtet.“

In einer weiteren Antwort erklärte das BMZ im Hinblick auf den Hamburger Prüfprozess, „zu keinem Zeitpunkt empfehlend oder wertend in den nachfolgenden Prüfprozess ein[gegriffen zu haben].“

„Das Vorhaben spielte bei der Anbahnung der Kooperation eine Rolle, griff aber zu keinem Zeitpunkt empfehlend oder wertend in den nachfolgenden Prüfprozess ein. Die Verantwortung für Entscheidungen über ihre Energiepolitik liegt in den Händen der Stadt Hamburg. Dies sehen wir durch die Entscheidung zur Aussetzung des Prüfprozesses vom 18.05.2021 bestätigt.“

Auf Grund der Stellungnahme des UBA (hier in Englisch) sollte daher die Hamburger Umweltbehörde ihren im Mai 2021 bereits ausgesetzten Buschholz-Prüfprozess unverzüglich beenden, wenn sie ihre Glaubwürdigkeit zur Eindämmung der Klimakrise nicht aufs Spiel setzen will.

27. Juni 2021
von Redaktion
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Eine Transparenz-Offensive der kommunalen Hamburger Energienetze?

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Anlässlich einer frühen Prüfung der Selbstverpflichtung der Wärme Hamburg GmbH zur Senkung der Kohleverbrennung in Wedel hat der Bürgerschaftsabgeordnete Stephan Jersch (Die LINKE) in einer Schriftlichen Kleinen Anfrage 22/4979 vom 17.6.2021 den Senat darauf aufmerksam gemacht, dass Bürgerschaftsabgeordnete, die nach Daten der Wärme Hamburg GmbH fragen, mit der Antwort „Diese Daten fallen unter das Betriebs- und Geschäftsgeheimnis der WH.“ abgespeist werden und zwar auch dann, wenn die entsprechenden Daten öffentlich zugänglich sind. Er fragte: „Wie verträgt sich dieses Verhalten aus der Sicht des Senats mit der Forderung des zweiten Satzes des Volksentscheids zum Rückkauf der Hamburger Energienetze von 2013, in dem mit Gesetzeskraft eine demokratische Kontrolle angeordnet wurde?“

Die Antwort des Senats lässt auf eine Transparenz-Offensive bei den öffentlichen Energieunternehmen der Hansestadt Hamburg hoffen. Der Senat erklärte:

„Die hier vorliegende Anfrage wurde zum Anlass genommen, die bisherige Praxis zu überprüfen und eine Neubewertung in dieser Frage vorzunehmen. Die Prüfung hatte zum Ergebnis, dass für die Zukunft eine einfache und transparente Darstellung der entsprechenden Daten erarbeitet wird.“

Nun ist damit noch nicht klar, wann diese Darstellung verfügbar sein wird und wie „einfach und transparent“ sie sein wird. Immerhin erhielt Jersch auf seine Fragen zum Kohleeinsatz im Heizkraftwerk Wedel und zu den entsprechenden CO2-Emissionen bereits die gewünschten detaillierten Antworten:

Monatliche Kohleeinsätze und die entsprechenden CO2-Emissionen des HKW Wedel

Was folgt aus diesen Daten für die Selbstverpflichtung der Wärme Hamburg GmbH zur Senkung der Kohleverbrennung in Wedel?

Die Selbstverpflichtung zur Einsparung von zunächst 20 Prozent des Kohleeinsatzes in Wedel wurde Ende Oktober 2020 verkündet und sollte „sofort“ in Kraft treten.

Als Referenzgröße zum Zeitpunkt „heute“ wurden 475.000 t Kohle pro Jahr angegeben. Eine Reduzierung um 20 Prozent ergibt somit einen „Deckel“ von 380.000 t Kohle bis Ende Oktober 2021.

Eine Summierung in der Tabelle von November 2020 bis einschließlich Mai 2021ergibt 315.503 t Steinkohle, die bereits verfeuert wurden. Es bleiben daher noch maximal 64.497 t Steinkohle vor allem für die Monate September und Oktober 2021, falls im Juli und August die Stromerzeugung weitgehend ruht. Ein Vergleich mit den Monaten März und April 2021 (zusammen 93.248 t) zeigt, dass der Kohleeinsatz in Wedel stark reduziert werden muss, wenn die Verpflichtung eingehalten werden soll. Das folgende Bild macht das deutlich:

Dass die Wärme Hamburg GmbH ihre Selbstverpflichtung zur Reduktion des Kohleeinsatzes im HKW Wedel zwischen dem 1. November 2020 und dem 1. November 2021 einhalten kann und will, wurde auf die erste Frage hin vom Senat mit einem klaren „Ja“ bestätigt.

Kaltes Wetter als Ausflucht aus der Selbstverpflichtung?

Als Erklärung für den durchgängig erhöhten Kohleeinsatz in Wedel zwischen November 2020 und April 2021 anstelle einer Reduktion wurde von Wärme Hamburg eine besonders kalte Witterung ins Feld geführt.

Laut SZ: „Wärme Hamburg weist diesen Vorwurf der „Irreführung“ strikt zurück: Bei den Zielgrößen handele es sich um Zahlen, die im Gesamtjahr erreicht werden sollen, sagte Geschäftsführer Michael Beckereit. „Wenn der Winter besonders kalt ist, wie er am Anfang diesen Jahres war, kann man nicht in jedem Monat genau ein Zwölftel erreichen, sondern es wird am Ende des Jahres abgerechnet.“

Laut em wurden sogar Grenzen von Ertragseinbußen als eventuelle Argumente aufgeboten: „Dafür will das Unternehmen auch Rohertragseinbußen von bis zu 1,5 Mio. Euro hinnehmen. … Monatsvergleiche sind vor dem Hintergrund der Aufrechterhaltung der Versorgungssicherheit und dem maximal eingeplanten Rohertragsverzicht weder möglich noch vorgesehen“, so der Sprecher.

Ausflüchte dieser Art können nicht akzeptiert werden. Denn zum einen ist der Referenzwert 475.000 t Kohle pro Jahr ohnehin großzügig gewählt:

Auf die Frage 10: „Wie groß war der Kohleeinsatz in Wedel im Jahr 2020 und wie hoch waren die entsprechenden CO2-Emissionen?“ antwortete der Senat:

„Der Kohleeinsatz im Jahr 2020 lag bei ca. 450.000 t, die CO2-Emission lag bei ca. 1.000.000 t.“

Zum anderen zeigt ein Temperaturvergleich von 2015 bis heute: Die Temperaturen im Winter 2020/21 liegen nicht weit von den Mittelwerten der letzten sieben Jahre. Der Winter 2019/20 war ungewöhnlich warm. Die Monate Februar und März 2018 waren erheblich kälter als die entsprechenden Monate im Jahr 2021.

Und schließlich enthält die Selbstverpflichtung der Wärme Hamburg GmbH weder eine Temperatur- noch eine Rohertragsklausel.

20. Juni 2021
von Redaktion
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Solidarität mit der Bürgerinitiative: „Stopp! Kein Mega-Kraftwerk Wedel“

Gerichtsfarce in Schleswig

Am 12. Mai 2021 fand vor dem Verwaltungsgericht Schleswig ein von zwölf Wedeler Anwohnerinnen und Anwohnern angestrengtes Verfahren gegen die ätzenden Partikelemissionen des Kohlekraftwerks Wedel statt. Beklagte war das Landesamt für Landwirtschaft, Umwelt und ländliche Räume Schleswig-Holstein (LLUR), das die Genehmigung für den Kraftwerksbetrieb dem Betreiber Wärme Hamburg GmbH verbieten sollte, so lange von dort gesundheitliche oder materielle Schäden ausgehen. Nach einer über 5-stündigen mündlichen Verhandlung wies das Gericht die Klagen ab.

Seit Jahren sind die Anlieger des Kraftwerks, eines der ältesten Deutschlands – je nach Windrichtung und Partikelausstoß – von diesen Emissionen betroffen. Daher gründeten sie im Jahr 2012 die Bürgerinitiative: Stopp! Kein Mega-Kraftwerk Wedel und belegten mit insgesamt 18 Gutachten ihre Schäden. Es handelt sich nicht um „geringfügige Alltagsverschmutzungen“, wie das Gericht es in seiner Urteilsbegründung sieht, sondern um zum Teil massive Beschädigungen an Fahrzeugen und Häusern. In der Vergangenheit wurde das auch durch den früheren Kraftwerksbetreiber Vattenfall und den heutigen Eigentümer Wärme Hamburg GmbH eingestanden. Denn beide Unternehmen leisteten mit Regressverträgen Schadensersatzzahlungen. Selbst der Gutachter von Wärme Hamburg schrieb die Schäden an den Pkw plausibel dem Kraftwerk zu.

Zudem besteht die Gefahr gesundheitlicher Schäden. Denn, wie durch mehrere Gutachten nachgewiesen, sind die Partikel sauer und ätzend und können besonders bei Kindern, denen diese Gefahr möglicherweise nicht bekannt ist, gesundheitliche Schäden hervorrufen.

Was den ganzen Prozess zu einer Farce macht, ist der Umstand, dass das Gericht den Klägern, also den betroffenen Anwohnerinnen und Anwohner, keine wirkliche Möglichkeit bot ihre Sichtweise vorzutragen. Deren Sachverständiger wurde in die letzte Reihe des Gerichtssaals beordert und durfte nicht reden. Die Zeugen mussten den Gerichtssaal verlassen und wurden ebenfalls nicht angehört. Auf die Inaugenscheinnahme beschädigter Fahrzeuge, die vor dem Gerichtsgebäude zur Dokumentation bereitstanden, verzichtete die Justiz. Ein beantragtes unabhängiges Gerichtsgutachten lehnte die Richterin mit der Begründung ab, dass die festgestellten Partikel nicht ätzend seien. Dem Gericht seien darüber hinaus alle Gutachten (über 100) bekannt. Diese Grundlage genüge für ein Urteil im Namen des Volkes.

Wie absurd das Verhalten des Gerichts war, macht eine Pressemeldung im Nachgang zu der Verhandlung deutlich. Darin wurde das Urteil unter anderem damit begründet, dass die von der Gegenseite gelieferten Gutachten von den Klagenden nicht „hinreichend substantiiert“ gewesen seien, also nicht genügend entkräftet wurden. Dies hätte in einer fairen Verhandlung sicherlich zur Sprache kommen können. Das war jedoch nicht gewollt.

Eine Revision zu diesen Urteilen beim Oberverwaltungsgericht ließ das Gericht nicht zu. Sie müsste erst eigens beantragt werden. Dies will wohlweislich überlegt sein. Denn ein faires Urteil ist auch vom Geldbeutel abhängig. Die Gerichtskosten werden allein für diese Gerichtsverhandlung auf 3.000 € geschätzt. Die Anwaltskosten hierfür sind fast doppelt so hoch.

Wie geduldig die Wedeler Bürgerinnen und Bürger bisher versucht haben, ihren Kampf für eine saubere und gesunde Umwelt zu führen, lässt sich nicht nur an der zeitlichen Dimension ermessen, sondern auch an der finanziellen. Denn bisher hat ihnen der Kampf bereits gut 300.000 € abverlangt.

Der Hamburger Energietisch unterstützt die Anliegen der Bürgerinitiative Stopp! Kein Mega-Kraftwerk Wedel solidarisch und ruft zur finanziellen Unterstützung auf.

Konto der Bürgerinitiative:
Linda Clausen-Hansen
IBAN: DE68 2005 0550 1280 5301 46
Stichwort: Kein Mega-Kraftwerk Wedel

Medien:
ndr: Kraftwerk Wedel Gericht weist Klagen zu Auto Lackschäden ab. 12.5.2021
onvista: Verwaltungsgericht weist Klagen gegen Kohlekraftwerk Wedel zurück. 12.5.2021
tag24: Gesundheitliche Schäden durch ätzende Partikel? Verwaltungsgericht weist Klagen zurück. 12.5.2021

29. Mai 2021
von Redaktion
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Doch kein Meilenstein für den Klimaschutz bei der Kohleverbrennung in Wedel?

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Laut der Pressemitteilung der Wärme Hamburg GmbH vom 26. Oktober 2020 hat der Aufsichtsrat eine Reduzierung der Kohleverbrennung im Heizkraftwerk Wedel beschlossen. Im Rahmen einer Selbstverpflichtung wollte die Wärme Hamburg den Kohleeinsatz „ab sofort“ um 20 Prozent und ab 2023 um mindestens 30 Prozent pro Jahr reduzieren. Letzteres entspräche rund 150.000 Tonnen Kohle pro Jahr, die künftig weniger verbrannt werden sollen (Bild 1).

Bild 1: Selbstverpflichtung der Wärme Hamburg zur Reduzierung der jährlichen Kohleverbrennung in Wedel (blau) und entsprechende Verminderung des CO2-Ausstoßes

Entsprechend Bild 1 sollten bis zur Heizperiode 2022/2023 im Vergleich zum Stand Ende Oktober 2020 die Effekte 1 und 2 wirksam werden und zwar durch eine „Einsatzoptimierte Fahrweise“ und eine „Modifizierte Einsatzplanung“. „Möglich wird diese Reduktion vor allem durch eine Verlagerung auf andere gasgefeuerte Wärmeerzeuger im Kraftwerkspark der Wärme Hamburg“, erklärte die Pressemitteilung von Wärme Hamburg. Gemeint war dabei vermutlich vor allem das erdgasgefeuerte Gas- und Dampf-Kraftwerk am Standort Tiefstack.

Dr. Beckereit, der Technische Geschäftsführer der Wärme Hamburg GmbH, nannte als CO₂-Einsparkosten ca. zehn Euro pro Tonne und Jahr – ein erstaunlich niedriger Wert.

Der Verzicht auf diesen Kohle-Einsatz würde Wärme Hamburg bis zu 1,5 Millionen Euro im Jahr kosten. Für eine Absenkung um rund 240.000 t CO2 durch die Effekte 1 und 2, berechnet nach Bild 1, ergibt sich Beckereits Wert bei Zugrundelegung von etwa zwei Jahren.

Dass die angekündigten CO2-Reduzierungen Sowieso-Effekten entsprechen könnten, wurde vermutet.

Was ist aus der Selbstverpflichtung der Wärme Hamburg geworden?

Bild 2 zeigt die Stromerzeugung aus Steinkohle im Heizkraftwerk Wedel in den Monaten November bis April. Zum Vergleich wurde in grüner Farbe eine gegenüber 2019/2020 um 20 Prozent reduzierte Stromerzeugung dargestellt, die der Selbstverpflichtung entspräche.

In allen sechs Monaten unmittelbar nach der Selbstverpflichtung war die Stromerzeugung aus Steinkohle größer (schwarz) als ein Jahr zuvor (grau). Von einer Abnahme um 20 Prozent (von grau zu grün) kann also keine Rede sein.

Bild 2: Stromerzeugung im Steinkohle-Heizkraftwerk Wedel in den Monaten November bis April für die Heizperioden 2019/2020 bzw. 2020/2021 und um 20 Prozent gegenüber 2019/2020 verringerte Stromerzeugung gemäß der Selbstverpflichtung der Wärme Hamburg zur Reduzierung der jährlichen Kohleverbrennung (Daten: Fraunhofer ISE)

Die Summen der Stromerzeugung von November bis April sind

       2019/2020:                              486 GWh     entsprechend 100 %

       2020/2021:                              538 GWh     entsprechend 111 %

       um 20 Prozent reduziert:        389 GWh     entsprechend 80 %

An welchen Kraftwerken liegt es?

Ein Vergleich der Stromerzeugung in den einzelnen Heizkraftwerken Tiefstack, Wedel 1 und Wedel 2 (Bilder 3 und 4) zeigt: Auch die Stromerzeugung aus Steinkohle in Tiefstack hat in den sechs Wintermonaten leicht zugenommen und zwar von 531 GWh auf 541 GWh, die Stromerzeugung in den beiden Blöcken in Wedel hat aber von 486 GWh auf 538 GWh zugenommen, vor allem durch einen verstärkten Einsatz von Block 1 des HKW Wedel.

Bild 3: Stromerzeugung in den Steinkohle-Heizkraftwerken Hamburg Tiefstack und Wedel in den Monaten November bis April für die Heizperiode 2019/2020 (Daten: Fraunhofer ISE)
Bild 4: Stromerzeugung in den Steinkohle-Heizkraftwerken Hamburg Tiefstack und Wedel in den Monaten November bis April für die Heizperiode 2020/2021 (Daten: Fraunhofer ISE)

Mehr Kohlestrom entgegen dem Trend

Bild 5 zeigt, dass die Stromerzeugung in den Hamburger Heizkraftwerken von 2015 bis 2019 zurückging, was sich mit der Zunahme an erneuerbarem Strom erklären lässt. Seit Anfang 2020 hat sich durch die Corona-Pandemie der Strombedarf verringert. Das allgemeine Angebot an erneuerbarem Strom ist weiter gewachsen. Daher ist es bemerkenswert, dass vor allem die Kraftwerke in Wedel ihre Stromproduktion und damit den Kohle-Einsatz seit 2020 gegenüber 2019 vergrößert haben. Zu vermuten ist, dass der Einspeisevorrang von Strom aus kohlegefeuerten Kraft-Wärme-Kopplungsanlagen in klimaschädlicher Weise genutzt wird, um dargebotenen erneuerbaren Strom zu verdrängen.

Bild 5: Jährliche Stromerzeugung in den drei Hamburger Kohle-Heizkraftwerken (Daten: Fraunhofer ISE).

Die Wärme Hamburg GmbH muss sich erklären

In den Bildern 2 bis 5 wird nur die Größe der Stromerzeugung gezeigt. Denn diese unterliegt keinem Betriebs- und Geschäftsgeheimnis. Neben Strom wird in den Heizkraftwerken auch Wärme für das Fernwärmenetz erzeugt. Der Umfang des gesamten Einsatzes von Steinkohle in den Hamburger Kohlekraftwerken ist nicht öffentlich zugänglich, zumindest nicht für die Zeit seit der Selbstverpflichtung der Wärme Hamburg GmbH.

Die Annahme liegt jedoch nahe, dass zwar mit einer modifizierten Einsatzplanung in Tiefstack operiert wurde, da dort als Alternative zum Kohle-Heizkraftwerk das Gas- und Dampfkraftwerk Tiefstack zur Verfügung steht, dessen Einsatz den Vorteil geringerer Aufwendungen für Emissionszertifikate besitzt.

Im Übrigen aber besteht der Eindruck, dass die Wärme Hamburg GmbH mit ihrer Selbstverpflichtung vom 26. Oktober 2020 die Öffentlichkeit in die Irre geführt hat. Denn eine drastische Änderung des Kohleeinsatzes ist in den nächsten Monaten nicht zu erwarten, nachdem die Wärme Hamburg darauf bestanden hat, auch weiterhin in den Sommermonaten in Wedel Strom zu erzeugen, in denen gar keine Fernwärme aus Wedel benötigt wird. Außerdem enthielt die Selbstverpflichtung den Zusatz „ab sofort“.

Sollte die Wärme Hamburg GmbH sich aus ökonomischen Gründen gezwungen sehen, so viel Strom aus Kohle zu erzeugen und zu vermarkten, wie nur möglich ist, so müsste der Hamburger Senat bereit sein, mit einer finanziellen Unterstützung das Unternehmen in die Lage zu versetzen, seine Selbstverpflichtung einzuhalten. Dies dürfte nach den Kostenangaben bei der Bekanntgabe der Selbstverpflichtung eine der kostengünstigsten Klimaschutzmaßnahmen sein, die es für Hamburg gibt.