Der Hamburger Energietisch

Für die Energiewende in Hamburg

Hamburg als Vorreiter bei „CO2-freier“ Müll-Fernwärme

Gabriela Keller in der Berliner Zeitung zum „Nullsummenspiel“ Müll-Fernwärme

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Es war zu erwarten!

Wenn eine grün geführte Energie- und Umweltbehörde trotz aller Einsprüche der Zivilgesellschaft und trotz Empfehlungen des Hamburger Energienetzbeirats nicht davon ablässt, den Einflüsterungen der Fernwärme-Lobby-Organisation AGFW zu folgen und Fernwärme aus Müllverbrennungsanlagen als klimaneutral bewertet, dann finden sich bald eilfertige Nachahmer.

In Berlin wurde das Nullsummenspiel – die trickreiche Verlagerung von CO2-Emissionen aus Müllverbrennungsanlagen – immerhin von der örtlichen Presse, der Berliner Zeitung, aufgegriffen, entlarvt und problematisiert:

Aus dieser Reportage von Gabriela Keller:

Die grüne Senatorin Regine Günther [stützt sich] auf ein methodisch auffälliges Konzept: Die Studie berücksichtigt „Abwärmequellen mit einem Emissionsfaktor von 0 g pro kWh“. Anders gesagt: Die Energie, die bei der Verbrennung von Müll entsteht, wird als zu hundert Prozent CO2-frei verbucht.

Dies widerspricht üblichen Berechnungsmethoden und bringt Umweltschützer und Wissenschaftler auf: „Es ist strikt falsch, und es ist interessengeleitet“, sagt Günter Dehoust, Senior Researcher am renommierten Öko-Institut in Berlin, „und das Drama ist, dass sich viele Leute diese Berechnung zu eigen machen.“ Es gebe klare Berechnungsvorgaben für Abwärme, wie sie auch das Bundesumweltamt zu Grunde legt, sagt er: „Alle Studien, die ich kenne, berücksichtigen die CO2-Emissionen aus der Abwärme.“

Es ist nicht so, dass er die Müllverbrennung generell ablehne. Für bestimmte Mengen von Restmüll gebe es keine andere Lösung, und so lange dabei Wärme anfällt, solle man sie auch nutzen. „Man darf sie deswegen aber nicht klimaneutral darstellen.“ Ökologisch weitaus vorteilhafter wäre es, Abfälle zu recyceln. Wer dagegen Abfallwärme als CO2-neutral bilanziert, setze fragwürdige Signale: „Es ist ein Taschenspielertrick, denn es geht ja darum: Wie plane ich die Wärmeversorgung in der Zukunft? Wenn ich mir die Emissionen schön rechne, habe ich falsche Planungsgrundlagen, die dann bei politischen Entscheidungen zu Grunde gelegt werden.“

Und so lässt sich an diesem Beispiel verfolgen, wie Methoden von Lobbygruppen in die Bilanzierungsmethoden einfließen – und von politischer Seite akzeptiert werden:

Berlin ist nicht die einzige Stadt, in der Müllverbrennung als CO2-neutraler Energielieferant auftaucht. Auch Hamburg kalkuliert die Emissionen seines Fernwärmenetzes seit wenigen Jahren nach diesem Prinzip – ebenfalls unter Berufung auf den AGFW – auch dort ist ein grüner Umweltsenator verantwortlich.

Im Entwurf des Gebäudeenergie-Gesetzes findet sich der CO2-Faktor Null bei der Müll-Abwärme auf Bundesebene wieder.

Als „Primärenergiefaktor für den nicht erneuerbaren Anteil“ steht in Anlage 4 zu § 22, Absatz 1 des Entwurfs des Gebäudeenergiegesetzes von Ende Januar 2020:

16       Siedlungsabfälle        0,0

Gabriela Keller fand in der Machbarkeitsstudie von BET für einen Kohleausstieg in Berlin bis 2030 auf Seite xxxi einen

Satz, der stutzig macht: „Die Bewertung zeigt, dass eine Reduktion der Abfallmenge die kumulierten Emissionen erhöht, eine Erhöhung der Abfallmengen führt zu sinkenden Emissionen.

Heißt das, je mehr Müll verbrennt, umso besser fürs Klima? BET antwortet: „Dieses Thema ist sehr komplex und hier sind falsche Rückschlüsse schnell möglich.“ Grundsätzlich solle Müll bei der Verbrennung „thermodynamisch so hochwertig wie möglich“ verwertet werden. Die gemäß der Studie umgebaute Anlage weise „eine sehr hohe Effizienz auf und deswegen ist es tatsächlich gut für das Klima, wenn Müll dort (statt anderswo mit schlechterer Effizienz) thermisch verwertet wird.“

Eine bei komplexen Themen häufig verwendete Methode, unangenehme Fragen abzuwimmeln. Man geht nicht auf die gestellte Frage ein, sondern redet unter Verwendung von vielen nicht geläufigen Fachbegriffen über etwas, was gar nicht in Frage steht.

BET wählte für Vattenfall und die Stadt Berlin die Schwindel-Methode des AGFW für die Bilanzierung der Müll-Wärme:

Dabei weiß das Beratungsunternehmen sehr genau Bescheid, wie sich in der ausführlichen Fortsetzung dieses Kastens auf Seite 92 seiner Machbarkeitsstudie zeigt.

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