Der Hamburger Energietisch

Für die Energiewende in Hamburg

Nun doch Fernwärme aus Hamburg-Moorburg?

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Die Hamburger Finanzbehörde hat am 21. Juli 2020 einen Wettbewerb um die Erstellung einer „Machbarkeitsstudie zur Umwandlung des Kraftwerkes Moorburg und Aufbau einer großen Elektrolyseanlage“ ausgeschrieben.

Bewerbungsschluss ist der 21. August 2020. Als Vertragsbeginn ist der 1. Dezember 2020 geplant und zum 30. Juni 2021 soll die Machbarkeitsstudie fertig sein.

Überraschung:

Es „soll die Anbindung eines umgerüsteten Kraftwerkes Moorburg an das Fernwärmenetz in die Untersuchung als eine wesentliche Variante eingebunden und bewertet werden“, so das „Technische Leistungsverzeichnis“ der Ausschreibung.

Zum Zweck einer Anbindung des Steinkohle(!)-Heizkraftwerks Moorburg hatte Vattenfall schon im April 2018 ein Scoping-Verfahren gestartet, das aber von der Umweltbehörde gestoppt wurde (Bild).

Eine Wiederbelebung der Wärme-Anbindung WA MOOR?
(Bild: Vattenfall, Scoping-Unterlagen vom April 2018)

Am 20. Februar 2020, drei Tage vor der Bürgerschaftswahl in Hamburg, kündigten Hamburgs Erster Bürgermeister Tschentscher und Wirtschaftssenator Westhagemann an, das Kohlekraftwerk Moorburg solle schneller vom Netz genommen werden: Einer der beiden 800-MW-Blöcke des erst seit 2015 laufenden Kohlekraftwerks könne auf Gas umgestellt werden. Der zweite 800-MW-Block würde vom Netz gehen, sobald der erste Block umgerüstet sei. Nun scheint das Ganze konkreter zu werden. Die am 20. Februar 2020 angekündigte Machbarkeitsstudie kommt:

„Das Kraftwerk Moorburg ist heute der mit Abstand größte Emittent von Kohlendioxid in Hamburg. Vor dem Hintergrund der Klimaschutzvorgaben des Senates sowie der Rahmenvorgaben auf nationaler Ebene (Kohleausstiegsgesetz) soll eine Umstellung des Kraftwerkes auf einen möglichst emissionsfreien Betrieb schnell erfolgen, mögliche Konzepte sollen mit Unterstützung durch die Betreiberin untersucht werden.“ („Technische Leistungsverzeichnis“ der Ausschreibung)

Dass es dabei vor allem auch um Wasserstoff gehen soll, wissen wir seit der letzten Wahl zur Bürgerschaft: „Eine integrative Betrachtung unter Berücksichtigung der Strom-, Wärme- und Wasserstoffproduktion eröffnet dabei die Möglichkeit, intelligente und wirtschaftlich sinnvolle (Nach-)Nutzungsmodelle für den privilegierten Standort und die bestehende Infrastruktur zu entwickeln.“

Neben Strom und Wasserstoff steht im „Technischen Leistungsverzeichnis“ also auch „Wärme“.

„Hat eine Umrüstung des Kohlekraftwerks Moorburgs zum GuD Einfluss auf die Planung des GuD am Standort Dradenau?“ fragte konsequenterweise die LINKE in der Bürgerschaft nach der Drucksache 22/861 vom 4.8.2020.

Antwort des Senats: „Nein. Die Planungen für den Energiepark Hafen als Ersatz für das Kraftwerk Wedel sind weit fortgeschritten und gehen noch 2020 in die Umsetzung.“

Diese Einschätzung entspricht wohl dem üblichen Zweckoptimismus der Umweltbehörde bei Planungsterminen. Denn mit der Planfeststellung für die Elbtrasse ist erst 2021 zu rechnen. Aber es stellt sich schon die Frage: Ist sich der ganze Senat hier eigentlich einig?

Vattenfall lässt sich bedienen, Hamburg zahlt.

„Vattenfall als Betreiberin des Kraftwerkes … unterstützt die von der Freien und Hansestadt Hamburg angestrebte Machbarkeitsuntersuchung, unter anderem durch die Bereitstellung der für die Studie benötigten Daten (soweit verfügbar).“ Soweit verfügbar? Hat Vattenfall nicht nur Milliarden in Moorburg verloren, sondern auch Daten?

In der Machbarkeitsstudie soll es um nicht weniger gehen als um „die sukzessive Umstellung des Kraftwerkes Moorburg auf einen CO2-neutralen Betrieb und den Aufbau einer Wasserstoffelektrolyse im Hafen.“

CO2-neutral ist nicht gleich CO2-frei!

CO2-neutral heißt nicht CO2-frei. Das wird sicher die Phantasie der Bietergemeinschaften für die Machbarkeitsstudie anregen.

Die Bieter sollen „nicht nur aktuell verfügbare Technologien berücksichtigen, sondern sich grundsätzlich an Nachhaltigkeit, Wirtschaftlichkeit, Zukunftsfähigkeit und Offenheit für künftige, weitere Innovationsschritte bis zur vollständigen Emissionfreiheit ausrichten.“ Was nicht ausschließt, dass manche Emission trickreich verlagert werden könnten. Vielleicht nach Namibia?

„Die Frage der künftigen Betreiberschaft ist nicht Gegenstand der Studie.“ Wie großzügig von der Finanzbehörde: Sie bezahlt die Machbarkeitsstudie, Vattenfall freut sich über eine Einsparung und erfährt aus der Studie, was zu tun ist?

Wie und wann wird über die „künftige Betreiberschaft“ verhandelt und entschieden?

Was soll mit den beiden 800 MW-Strom-Blöcken in Moorburg geschehen?

„Hinsichtlich der künftigen Brennstoffe sind insbesondere ein Betrieb mit Gas (GuD) zu berücksichtigen. Die Wahl des Brennstoffs und die daraus resultierende technische Konzeption der Anlage sollen so angelegt sein, dass eine Weiterentwicklung bis zur vollständigen CO2-Neutralität mittelfristig erreicht werden kann.“

Das Kraftwerk Moorburg erzeugt bisher fast ausschließlich elektrischen Strom. Nach einer Umstellung auf Erdgas oder sogar Wasserstoff nur Stromerzeugung? Das würde sich wohl kaum rechnen! Hilfreich ist daher eine „Leitfrage“ im „Technischen Leitungsverzeichnis“: „Wie kann das Kraftwerk mit Gas wirtschaftlich betrieben werden?“

„Welche Bedeutung hat eine Einbindung in das Fernwärmenetz und wie kann diese realisiert werden?“ Genau! Das ist eine der „Leitfragen“, der sich die Bieter stellen müssen.

Einen weiteren Fingerzeig enthält die Aufforderung, dass „die Anbindung eines umgerüsteten Kraftwerkes Moorburg an das Fernwärmenetz in die Untersuchung als eine wesentliche Variante eingebunden und bewertet werden“ soll. Selbstverständlich mit gleichzeitiger Überprüfung der „Wirtschaftlichkeit Fernwärme“, der „Klimaschutzwirkung Fernwärme“ und der „Rechtlichen Bewertung Fernwärme“.

Innovatives

Natürlich enthält das „Technische Leistungsverzeichnis“ auch Innovatives zumindest als Option:

„Als Option ist ein Hochtemperaturspeicher (z.B. Stahl) zu berücksichtigen, der Überschussstrom aufnehmen und bei Bedarf als Wärmeenergie wieder in das örtliche Fernwärmenetz abgeben kann.“

Hochtemperaturspeicher und dann doch nur Einspeisung in das örtliche Fernwärmenetz? Hoffen wir, dass ein kluger Bieter darauf hinweist, dass es im Hafen auch große Bedarfe an Hochtemperaturwärme gibt! Ein kleiner Stahlspeicher wurde in Berlin getestet.
Mit der gespeicherten Energie kann auch wieder Strom erzeugt werden. Der Koalitionsvertrag vom 2. Juni 2020 weiß das:

„Parallel dazu werden die Koalitionspartner am Standort Moorburg Vorhaben unterstützen, die darauf abzielen, Erzeugungsspitzen der volatilen erneuerbaren Stromproduktion in Hochtemperaturspeichern zwischenzulagern, um daraus in Zeiten größerer Nachfrage sowohl Strom zurückzugewinnen als auch Wärme zur Verfügung zu stellen. Das Modellvorhaben eines in dieser Richtung wirkenden Stahlspeichers soll auf seine Machbarkeit geprüft und gemeinsam mit dem Übertragungsnetz- und dem Kraftwerksbetreiber umgesetzt werden.“

Wasserstoff: Mindestens 100 MW, aber von welcher Farbe?

Die „Integration einer großen Elektrolyseanlage für Wasserstoff (mindestens 100 MW)“ darf bei keiner Konzeptvariante fehlen, so die Ausschreibung. Um die „Integration“ sicherzustellen, müssen „die dafür benötigten Voraussetzungen wie Netzanschluss, Flächen etc. im Kraftwerk bzw. dessen direktem Umfeld bereitgestellt werden“. Für den Elektrolyseur soll eine gesonderte Wirtschaftlichkeitsbetrachtung erstellt werden.

„Die Auslegung und der Betrieb der Wasserstoffelektrolyse sollen sich im Wesentlichen an den Bedarfen im Hafen als eines der größten Industriegebiete Europas sowie der Nutzung von grünem Wasserstoff im Transportsektor vor Ort orientieren.“

„Grüner“ Wasserstoff ist das Zauberwort. Wasserstoff, der mit erneuerbarem Strom gewonnen wird. Aber nur für die Nutzung „im Transportsektor vor Ort“?

Im GuD wird Erdgas verbrannt und der andere Teil des Wasserstoffs darf demnach auch „blau“ oder „grau“ sein (mit Erdgas hergestellt oder mit dem allgemeinen Strommix, also auch aus Kohlestrom), solange nicht grüner Wasserstoff in Schiffen im Hafen einläuft? Und das wird ja noch dauern.

Die Auftragnehmer sollen „auch eventuelle weitere Konzepte, die aus ihrer Sicht erfolgversprechend sind, bei der Definition und Bewertung berücksichtigen.“ Könnten da die fast unerschöpflichen Mengen von Buschholz aus Namibia zum Zug kommen?

Ein Hinweis auf „Innovative Brennstoffe“ findet sich unter „Technisches Konzept“. Rein technisch dürfte der Einsatz von Buschholz in einem umgerüsteten Kraftwerk Moorburg aber nicht sinnvoll sein,  ökonomisch auch nicht und im Hinblick auf die Klimawirkung ohnehin nicht. Dennoch, wer weiß, was da noch alles ausgeheckt werden wird…

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